Ich weiß allein nicht weiter

Kurd Alsleben, im Kunsthaus Hamburg 2013

Kurd Alsleben, im Kunsthaus Hamburg 2013

Zum Tod des Netzkünstlers Kurd Alsleben

„Jetzt spinnt der Alte komplett.“, beschied mir damals ein Kommilitone, der mit „der Alte“ den mir nur leidlich bekannten Kurd Alsleben, Professor für Kommunikationstheorie am Fachbereich Visuelle Kommunikation der Hochschule für bildende Künste Hamburg, meinte und mit dem „spinnt“ einen Vorfall, der sich wohl im Mai oder Juni 1986 zugetragen hatte. Da stand Kurd Alsleben eines Tages mit einem Schild vor der Hochschule, auf dem stand geschrieben: „Ich weiß allein nicht weiter.“, was zu meiner nachhaltigen Verstörung führte. Denn als Professor für Kommunikationstheorie sollte er doch weiterwissen. Das war sein Job. Dazu war er doch angestellt und berufen. Wer sollte denn sonst weiterwissen, wenn nicht er? Ich vielleicht?

Diese kleine Anekdote, die meine erste Begegnung mit Kurd Alsleben illustriert, macht seinen bis heute außergewöhnlichen Ansatz deutlich. Schon früh kam er, 1928 in Königsberg (Pommern) geboren, mit Computern in Berührung, wenngleich sich eine Assistenz bei Konrad Zuse, dem legendären Computerentwickler, nicht mehr belegen lässt. In den 1950er Jahren programmierte er die erste Bürosoftware, die mangels leistungsfähiger Computer zu dieser Zeit nie zum Einsatz kam und 1960 schuf er am Hamburger DESY die erste Computergrafik, als er den dort tätigen Physiker Cord Passow dazu überreden konnte, einen Computer mit einem elektromechanischen Plotter zu verbinden und den Inhalt des Computerspeichers an den Plotter zu senden. Es entstanden sinusförmige Kurven auf langen Papierbahnen, die alle in Erstaunen versetzten, denn erstmals war die abstrakte Berechnung eines Computers, die sich in den Tiefen monströser Stahlschränke zu verstecken schien, optisch offenbar geworden. Kurd Alsleben wurde dann Lehrbeauftragter an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo die dortige Strömung der Informationsästhetik ihm ein ideales Umfeld bot, bevor er in den 1970er Jahren die Professur in Hamburg erlangte.

Was ist ein Laserdrucker?

Meine zweite Begegnung mit ihm musste wohl etwa ein Jahr später nach seiner Aktion stattgefunden haben, im Sommer 1987, als ich Mitglied des Astas der Hochschule wurde und mich mit dem Problem konfrontiert sah, einfach und zügig Flugblätter gestalten zu müssen. (Gegen den unter uns Studenten höchst unbeliebten Hochschulpräsidenten Carl Vogel, übrigens.) Zu dieser Zeit zogen die ersten Computer an der Hochschule ein, von etlichen Fachkräften argwöhnisch betrachtet und kommentiert, – „Werkzeug des Klassenfeinds!“, war eine der krasseren Positionen. Jedenfalls hatte es Kurd Alsleben übernommen, für einige zögerliche Kollegen die grauen Kisten der Firma Apple in seinen Räumen aufzunehmen, zu denen auch ein Laserdrucker gehörte, ein Gerät, das uns am Asta besonders interessierte. Wir liefen sogleich bei Alsleben auf, der uns umgehend eine Abfuhr erteilte: Wir könnten keinesfalls etwas auf seinem Laserdrucker ausdrucken, denn bei diesen Geräten handelte es sich seiner Ansicht nach um eine altertümliche Technik. Sie imitierte allenfalls den Bleisatz! Unser Erstaunen musste groß gewesen sein. Laserdrucker, eine altertümliche Technik? Für uns war das der „heiße Scheiß“. Alsleben empfahl uns seinen Kursus „Diskettentypografie“, der uns anleiten sollte, allein auf einem digitalen Medium zu schreiben und uns mit anderen dazu auszutauschen. Wir schlugen enttäuscht aus, denn wir wollten doch Flugblätter produzieren und nicht Disketten beschreiben. Sollten wir vielleicht zum nächsten Streikaufruf Disketten an die Kommilitonen verteilen?

Kurd Alsleben: Dialoghaft produzieren. Mittels vernetzter Computer. Grafik von Kurd Alsleben 1989

Kurd Alsleben: Dialoghaft produzieren. Mittels vernetzter Computer. Grafik von Kurd Alsleben 1989

Wir hätten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können, die darin lag, dass Alsleben schon seit den 1970er Jahren gesehen hatte, dass die Vernetzung der Computer zu neuen Kommunikationsformen führen würde, die Papier und Bleisatz überflüssig machen würden und mit ihnen die bis dahin einseitige Kommunikationsform vom Autor zum Leser in nur einer Richtung. Neue computergestützte Kommunikation würde Sender und Empfänger von Nachrichten in wechselseitig gleichberechtigte Positionen versetzen und einen echten Austausch unter gleichen ermöglichen. Damit war im Kern Social Media geboren, wenngleich die dazu aktuell verfügbaren Medien noch eher unbeholfen wirkten. Selbst das heutige Internet gab es 1987 noch nicht. So musste sich Alsleben anfänglich mit Disketten begnügen, auf denen Bilder und Texte verfasst wurden. Anfang der 1980er Jahre bildete sich daraus das Altonaer Disketten-Netzwerk, deren Teilnehmer sich gegenseitig am Abend Disketten in die Briefkästen steckten, die Inhalte auslasen, veränderten oder kommentieren und dann dem nächsten wiederum in den Briefkasten warfen. Das mutete für heutige Verhältnisse archaisch an, war jedoch prozedural, strukturell, topologisch mit heutigen Netzen durchaus vergleichbar. Facebook & Co. machen nichts anderes, nur bequemer und schneller.

Konversationsrunde im ZKM, Karlsruhe. November 2010. Foto: Stefan Beck

Konversationsrunde im ZKM, Karlsruhe. November 2010.

Allein nicht weiter zu wissen, das war die zentrale Erfahrung, die Kurd Alsleben aus diesen ersten Experimenten mit Netzwerken gewann. Was wie ein Mangel wirkte, entpuppte sich unter Netzbedingungen als Gewinn, denn als Frage formuliert, an andere Teilnehmer gerichtet, eröffnete sich mit einem Mal die Möglichkeit, das gemeinsam viele an einem Problem arbeiteten und zu Antworten fänden, an die keiner zuvor gedacht hatte. Auf die Kunst gerichtet, entspann sich der Versuch, auf die systematische Unvollständigkeit und Unabgeschlossenheit des eigenen Schaffens und auf die Möglichkeit eines Kunstwerks, das nicht mehr das Produkt eines einzelnen, singulären Autors, sondern einer Personenvielzahl mit gänzlich unterschiedlichen Graden der Beteiligung, entstanden aus einem Befragen-Beantworten einzelner Anteile, Hinweise und Zusammenhänge. Daraus entspringt eine relationale Ästhetik, die die wechselseitigen Bezüge höher schätzt als das eine ganze Werk/Objekt. Auch heute, mehr als 30 Jahre nach den Anfängen dieser Datenbewegung im eigentlichen Sinne, ist ihre Verwirklichung in der Kunst nur marginal vorangeschritten. Noch immer ist die Mehrzahl der KünstlerInnen damit beschäftigt, singulär physisch abgeschlossene Objekte zu schaffen. Nur sie sind im Ausstellungsbetrieb darstellbar.

Ohne Werk und Publikum

Die Idee Publikum loslassen. Grafik von Alsleben/Eske, ZKM 2010

Die Idee Publikum loslassen. Grafik von Alsleben/Eske, ZKM 2010

Kurd Alsleben hat sich mit seiner Insistenz auf ein wenigstens dialogisches Produzieren weit außerhalb des Kunstbetriebs gestellt. Zusammen mit seiner Frau Antje Eske begann er nach seiner Emeritierung Ende der 1990er Jahre einige Bücher aus seinem Forschungsgebiet zu publizieren, wovon mir Netzkunstwörterbuch (2001) und Mutualität in Netzkunstaffairen (2004) thematisch am Dichtesten scheinen und ihre gemeinsame weitere Arbeit vorstellen: die Entwicklung einer allgemeinen Praxis des Gesprächs als Kunst verstanden, daher Gesprächs- oder Konversationskunst genannt.

Die Resonanz darauf muss, trotz einer Einzelausstellung in der Kunsthalle Bremen (2006) und einem Symposium im ZKM Karlsruhe (2010), dürftig zu nennen sein. Der generelle Anspruch, Kunst in und durch ein Gespräch, quasi im luftleeren Raum, entstehen zu lassen, fand bei einem unvorbereiteten Publikum nur wenig Zuspruch, weswegen die Veranstaltungen von Alsleben-Eske vorwiegend von Schülern und Anhängern bestritten wurden. Die naheliegende Konsequenz, auf ein Publikum gänzlich zu verzichten und somit der Konzeption einer heroischen Kreativität im Sinne Andreas Reckwitz eine Absage zu erteilen, war zwar schon grundsätzlich in den allerersten Netzwerk-Versuchen Alslebens angelegt, wurde aber später mit zunehmender Radikalität vertreten und als ein Schaffen „Ohne Werk und Publikum“ deklariert. Damit war dann ein Weg in den Kunstbetrieb nahezu versperrt. Es gehört zur Paradoxie dieses Ansatzes, dass Alsleben-Eske zwar den Austausch und die Teilnahme anderer suchten, ja programmatisch als „Antwortnot“ verstanden, gleichzeitig aber nur wenigen Zutritt zu ihrer Welt erlaubten. Währenddessen beschreiben jeden Monat mehr als eine Milliarde Menschen Disketten auf Facebook.

Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb Kurd Alsleben schon im November 2019 im Alter von 91 Jahren in Hamburg.

Wir müssen nun ohne ihn weiterwissen.

  

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