#Flatteningthecurve

Grafik - Flattening the curve in der Kulturpolitik

Flattening-the-curve in der Kulturpolitik

In der gegenwärtigen Corona-Krise tritt gehäuft der Begriff Flattening-the-Curve samt der entsprechenden Grafik auf (als Hashtag #Flatteningthecurve). Damit ist die Vorstellung gemeint, man sollte Infektionen zeitlich so verzögern, strecken, dass der gleichzeitige Ansturm vieler Erkrankter auf das medizinische System vermieden werden könnte.

Für die Kulturpolitik ist das Phänomen so zu verstehen:

Durch eine Vielzahl kleinerer Anreize, euphemistisch Förderung genannt, soll eine möglichste große Zahl von Künstlern über einen langen Zeitraum im System gehalten werden. Daher sind diese Maßnahmen in Form von Stipendien und Ateliers vornehmlich zu Beginn der künstlerischen Karriere vorzufinden. Sie sollen jungen Künstlern den Eindruck vermitteln, sie seien wichtig und gebraucht. Die meisten dieser Förderungen konzentriert sich daher auf den Lebensabschnitt vor dem 40. Jahr. Danach nehmen sie drastisch ab.

Andernfalls drohte die Gefahr, dass zuviele Künstler nach ihrer Ausbildung von der rauhen Wirklichkeit des Kunstbetriebs zu schnell frustriert würden und das System verließen.

Mit einer Kraftnahrung gleich, wie sie auch Kindern, Alten und Kranken verabreicht würde, werden Berufsanfänger in der Kunst mit meistens staatlicher Hilfe aufgepäppelt, damit sie möglichst viel Energie in ihre Kunst und die damit verbundene Lebensplanung stecken und etwa andere, bürgerlichere Ambitionen zurückstellen, – so lange bis sie ganz und fest in der Kunst stecken und das Gefühl haben, sie könnten nicht mehr anders.

Und im Alter arm

Als Beispiel möge dafür die Alterssicherung dienen, für die es zwar prinzipiell die Künstlersozialkasse gibt, die aber sehr vage und unverbindlich gehalten bleibt, so dass ein Großteil der Künstler sie vernachlässigt oder nach hinten, auf vermeintlich bessere Zeiten des Erfolgs, verschiebt. Spätestens in den Jahren nach dem 50. Geburtstag ist die Deckungslücke zu einer auskömmlichen Rente so groß geworden, dass Künstlern fast nichts mehr anderes übrig bleibt, als sich mit der unvermeidlichen Aussicht auf Altersarmut abzufinden und als störrische Reaktion erst recht an der Kunstausübung festzuhalten. (Daher finden sich unter Künstlern auch die zähesten Anhänger eines bedingungslosen Grundeinkommens.)

Sein Ziel hat der Staat und die durch ihn vermittelte Kulturpolitik erreicht, wenn eine hohe Anzahl an Künstlern über Jahrzehnte unter prekären Bedingungen im Betrieb bleibt und dabei Kunst produziert, die mit mehr Geld oder Unterstützung nicht notwendig größer, besser oder schöner ausgefallen wäre. (Künstler sind unglaublich genügsam und produzieren auch unter den widrigsten Bedingungen.)

Zur Vermeidung allzugroßer Frustration wird hier und da ein Katalogzuschuß gewährt oder eine kleinere, anerkennende Ausstellung in der kommunalen Galerie. Die zu ihrer Aspiration dienende Motivation hat disziplinierenden Charakter.

Staatliches Geld für alle und keinen

Als wennauch erster und noch dürftiger Verweis auf die empirische Realität sei auf die Praxis der Hessischen Kulturstiftung verwiesen, die in den letzten 25 Jahren etwa 200 Künstler auf Reisen geschickt oder mit Auslandsateliers bedacht hat. Eine die Zulassung beschränkende Altersgrenze wird meines Wissens nicht genannt (vor etwa 15 Jahren aber eine Beschränkung auf maximal 3 Bewerbungen), die Praxis der 1990er Jahre, vornehmlich Berufsanfänger zu beschenken, hat die Stiftung bzw ihre Jury aber bestimmt beibehalten.

Sieht man daher von den Stipendiaten der letzten Jahre ab, die noch im Beginn ihrer Karriere stecken mögen, so wird mit Blick auf die 1990er und frühen 2000er Jahre, deren Eleven nach angelsächsischem Gebrauch als mid-career artists zu bezeichnen wären, deutlich, dass kaum jemand von ihnen in bedeutendem Maße im Kunstbetrieb Fuß gefasst hat. Da wären vielleicht Marko Lehanka, Tobias Rehberger und Haegue Yang zu nennen, wobei negativ auffällt, dass Yang und Rehberger am Ort ihrer eigenen Ausbildung, der Städelschule, lehren, als hätten sie sonst in der Welt keine Resonanz gefunden.

Damit bestätigt die Hessische Kulturstiftung nur die allgemeine Regel, nach der gerade 1-2% aller Künstler zu Lebzeiten in der Kunst ein Auskommen finden werden. Dass der übergroße Rest der Künstlerstipendiaten einmal im Leben ein Jahr auf Kosten des Staates nett verreisen oder in freundlicher Lage einer Weltstadt residieren durfte und anschließend nicht weiter bemerkbar bleibt, gerreicht der fördernden Institution keineswegs zum Nachteil.

Ganz im Gegenteil, – im Sinne des Prinzips Flattening-the-Curve werden sich die mit einem Stipendium bedachten Künstlers vom Luxus der Einmaligkeit zumindestens unbewußt geschmeichelt fühlen und für eine lange Zeit als Auszeichnung mit sich tragen. Bei den Reisen haben sie auch vorher schon um die coolste Idee gewetteifert. Die Hessische Kulturstiftung gewinnt in jedem Fall.

Dass die Mehrzahl dieser Maßnahmen in den Beginn des Berufslebens greift, wird auch, möglicherweise unbeabsichtigt, damit zu tun haben, dass der nachfolgende Erfolg des Beschenkten, wenn ‚die Saat aufgeht‘, immer auf den Schenkenden zurückfällt, auch wenn ursächlich kein Zusammenhang bestehen muss, während die nachträgliche Auszeichnung in dieser Hinsicht weniger kommod scheint. Danach ist dann das örtliche Kulturamt zuständig, das über einen längeren Zeitraum deutliche kleinere Beträge ausgibt. Und für Fälle des Alterserfolgs gibts noch das Bundesverdienstkreuz.

Heiter und so weiter

Bedeutende Künstler sind eine Seltenheit und wenig planbar. Entgegen mancher großspuriger Ambitionen liegt die Bedeutung der staatlichen Kulturfinanzierung in der Förderung eines Mittelmaßes, das eine ameisenhaft emsige Künstlerschaft voraussetzt, die in kommunalen Atelierhäusern Tag und Nacht ihrer Kunst nachgeht, ohne nach Heute und Morgen zu fragen. Sie wird auf den jährlich angesetzten Rundgängen ordentlich vorgeführt und ansonsten schnell vergessen, wenn das übrige Volk zu ‚Van Gogh‘ oder ‚Fantastische Frauen‘ eilt.

Die Kurve der Erregung, so ist es gewollt, verläuft lang und flach.

  

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