Die Akte Slothrop

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Gedanken zum Hörspiel Thomas Pynchon Die Ende der Parabel auf SWR2. Kafka und Freud nehmen Akteneinsicht.

Ich war überrascht von dem sachlich verhaltenen Vortragston, mit dem das Hörspiel im ersten Teil (Jenseits der Null) einsetzte, so, als trüge jemand aus einer Akte vor, der Akte Slothrop. Und das muss noch nicht einmal so irreal sein, wird doch der Held, kaum, dass wir ihn näher kennenlernen, in eine psychologische Versuchsanstalt (The White Visitation) eingeliefert. Ohne Zweifel muss das Papier produziert haben.

Mir kam sogleich, ob des Grauens, dieser überaus bedrückenden Stimmung, London Ende 1944, unter dem Eindruck der nahezu willkürlich, unberechenbar einschlagenden V2 Raketen, die in dem Hörspiel nahezu teilnahmslos geschildert wird, die Vorstellung, man hätte Kafka beauftragt, Pynchon neu zu schreiben. Ursache und Wirkung vertauscht, ein Leitmotiv des Buches. Wie wir ja wissen, war Kafka mit dem Schrecken der Maschinen als Experte für die Versicherunng von Industrieanlagen wohl vetraut. Im weiteren Verlauf der akustischen Darbietung, dem unendlich langen Teil In der Zone, konnte ich mich ebenso an den Gedanken halten, es handele sich um den vollkommen aus dem Ruder gelaufen Versuch, In der Strafkolonie nachzuerzählen. Die Zone, Deutschland 1945, unter alliierter Besatzung in Ost und West, ja eine Strafkolonie. Der alte Kommandant ist tot und seine Getreuen foltern sich selbst zu Tode.

Rattenman Wolfsman Rocketman

Von dem Bezug zu Kafka schien mir der Sprung zu Freud nicht allzugroß, hatte er doch in zeitlicher Parallele ebenfalls das Grauen in sachlichster Präzision geschildert. Sind seine großen Fallgeschichten, der Rattenmann, der Wolfsmann, nicht nur Kafka verwandt, der ja durchaus auf sie Zugriff haben können, sie neigen auch Pynchon vorwegzunehmen, wenigstens in ihm anzuklingen. Man nehme nur einige Schriften Freuds aus der Zeit zwischen 1909 und 1919: Zeitgemäßes über Krieg und Tod (London 1944), Ein Traum als Beweismittel (Slothrop in der Anstalt), Die infantile Genitalorganisation (Klein-Slothrop und Dr. Jamf), Traum und Telepathie (Slothrop und Katje), Das Tabu der Virginität (Slothrop und Bianca), Das Unheimliche (In der Zone).

Ausklang

Leider verflüchtigte sich im Verlauf dieses Radiodramas der anfänglich nüchterne Tonfall und wich einem leicht schrillen, ja flapsigen Erzählton, der mich fatal an die Jungs bei mir um die Ecke auf dem Spielplatz erinnerte, was aus zweierlei Gründen nicht unbedingt inkonsequent klingen sollte. Im Verlaufe seiner 1200 Seiten entschwindet dem Roman zunehmend und wahrscheinlich gewollt die eingängliche Übersicht, die für sich genommen durch ihre traumartigen Sequenzen schon eine Herausforderungn darstellt, um im Kapitel In der Zone in eine vollkommene Disparatheit der Erzählstränge und Erzählperspektiven zu münden, die nirgends mehr zusammenhalten, weswegen ihr akustisches Abbild ebenso disparat schallen sollte. Und dann noch bliebe zu bedenken, dass der ‚Held‘, Tyrone Slothrop, kein Intellektueller, sondern eher ein schlichtes Gemüte, eine postmoderne Version des HCE ist, der unbeabsichtigt in die paranoide Maschinerie des Romangeschehens gezogen wurde, wie auch unter vielfältigen Bezügen zur Populärkultur, wie schon in V., geradezu einen comichaften Abziehbildchen gleichen könnte.

Wie dem auch sei, mir lagen die Stimmen, die meisten männliche, denn Frauen spielen im Roman eher eine Nebenrolle, ab dem ersten Drittel nicht mehr, erzeugten sogar einen Widerwillen bei mir, der mich schließlich dazu brachte, das Radio auszuschalten. Klick, knacks. Aus.

Schade, denn bei der zugrundeliegenden Arbeit, die dieses Unternehmen den SWR/DF gekostet hat, kann ich wahrscheinlich davon ausgehen, dass in allzunaher Zeit keine alternative Hörspielfassung Pynchons mehr ins Radio kommen wird. Das Buch bleibt jedoch.

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