Ihr Antrag wurde abgelehnt

Honoré Daumier, Der Zurückgewiesene

Honoré Daumier, Der Zurückgewiesene

Der 22. April ist zufällig der Tag, an dem sich im Jahre 1863 der französische Kaiser Napoleon III. die zurückgewiesenen Kunstwerke des Pariser Salons zeigen ließ. Aus diesem Anlaß entstand kurze Zeit später der Salon des Refusés. Nachzulesen ist das bei Wikipedia.

Nur 40%!?

Was mich bei der Lektüre des Artikels erstaunte, war der Umstand, dass zu den Pariser Salons mehr als 40% der eingereichten Kunstwerke abgelehnt wurden. Das hört sich viel an, aber ich dachte plötzlich: Was, nur 40%?

Aus Wikipedia zum Pariser Salon

Tatsächlich dürfte in unseren Zeiten und Breiten kaum eine gleichartige Veranstaltung vonstatten gehen, bei der nicht über 90% der Einreichungen durchfielen.

Es gibt keine ähnlich gelagerte Institution, die dem Pariser Salon gliche, die das gesamte Streben der Künstler auf sich zöge, dennoch mögen zwei zeitgenössische Stipendien auf Bundes- und Landesebene zum Vergleich herangezogen werden.

Nach schon zurückliegenden Berechnungen meinerseits lag bei der Hessischen Kulturstiftung in den 1990er Jahren das Verhältnis zwischen angenommenen und abgelehnten Bewerbern bei 1:20. Das bedeutet, dass 95% abgelehnt wurden.

Auf den Seiten der Stiftung Kunstfonds finden sich Angaben über die Anzahl der Bewerbungen und der stattgegebenen Bewerbungen. In den zurückliegenden 15 Jahren wurden im Durchschnitt 84 aus 1450 Anträgen positiv beschieden. Die Zahl der Bewerbungen lag immer über 1.000. Das macht eine Ablehnungsquote von 93,4%.

Das sind zwar nur 2 Fälle, da aber der Kunstfonds eine sehr allgemeine Maßnahme darstellt, dürften die Ergebnisse auch auf andere Gremien übertragbar sein.

Von 40 auf 95%

Wie ist dieser enorme Anstieg der Ablehnungen zu erklären? Bei gleichzeitiger Abnahme des Protests. De Facto sind mir keine Beispiele öffentlicher Kritik an diesen extrem hohen Ablehnungsraten bekannt.

Ich denke, die Gründe müssten in etwa in drei Richtungen zu suchen sein:

1) Es gibt heutzutage mehr Künstler als 1860. Mehr Künstler bedeutet mehr Zeitdruck bei Auswahl, also weniger Chancen für den einzelnen sich zu präsentieren. Die Krise des Jahres 1863 zeigte, dass das System Salon durch die schon damals wachsende Zahl der Bewerber an seine Grenzen gekommen war.

2) Die Kriterien für gute Kunst sind seit 1860 weitaus diffuser geworden, so dass immer weniger Einigkeit bei den Entscheidungen zu erwarten ist, was den Druck auf die Institutionen und ihre Jurys erhöht.

3) Die Quote der Ablehnungen von 40% beim Pariser Salon fand in einem völlig anderen Umfeld statt als heute. Damals war der Salon die alles entscheidende Institution, die über Sein oder Nichtsein eines Künstlers entscheiden konnte. Bis etwa 1870 bedeutete dauerhafte Nichtzulassung zum Salon praktisch das Aus für einen Künstler.

Einen weit ausdifferenzierten Kunstbetrieb, der sich auf Galerien, Auktionen, Messen, Ausstellungshäuser, Kunstvereine, Biennalen und Museen stützen kann, gab es damals noch nicht. Er war erst im Entstehen begriffen. Ebensowenig existierte eine Kunstförderung durch die öffentliche Hand, wie sie gerade im föderalen Deutschland bekannt ist.

Lotto oder Hessische Kulturstiftung?

Lotto oder Hessische Kulturstiftung?

Insofern können wir fast davon ausgehen, dass die extrem wirkende Zahl von 95% Ablehnungen bei gegenwärtigen Institutionen gerade das Ergebnis der erweiterter Chancen und Möglichkeiten für Künstler ist. Man wird also erwarten, dass sie es an einer anderen Stelle versuchen, wenn sie zuvor abgelehnt wurden. Das erhöht implizit eben die Neigung, möglichst emotionslos auszusieben.

Ob die Künstler allerdings von der Volatilität des Betriebs profitieren, steht auf einem anderen Blatt. Denn anders als zu Zeiten des Salons bedeutet Erfolg bei Stipendien keineswegs Erfolg für die weitere Karriere. Ich kenne etliche Künstler, die nach Abschluß des Studiums bei mehreren der großen Fördereinrichtungen punkten konnten und in Folge weiter herumgereicht wurden, wenige Jahre später schon fast vergessen waren. Wie aber die Zahlen nahelegen, haben sich die allermeisten Künstler (auch ich) mehrmals bei den entsprechenden Institutionen beworben, ohne je berücksichtigt worden zu sein. Insofern bleibt nach wie vor unklar, warum ein Protest gegen einen Quote von 95% praktisch nicht stattfindet.

  

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