Lesezeit in Schweden

Nachmittägliches Vergnügen. Tee- und Leseszeit.

Nachmittägliches Vergnügen. Tee- und Leseszeit.

Zu jedem Hüttenaufenthalt gehört immer auch eine ausgiebige Lektüre, begleitet von schwedischen Puddingteilchen, die in diesem Jahr drei Bücher umfasste.

Monte Verità

Monte Verita von Stefan Bollmann

Zum besseren Verständnis der um 1900 kulminierenden Reformbewegung wollte ich mehr über den Monte Verità erfahren, jenen sagenhaften Hügel bei Ascona, dessen Bewohner, ihre Gedanken und Lebensweise bis in unsere Zeit nachwirken. Denn die spezifische Jenseitigkeit der modernen Kunst ließe sich vielleicht am Beispiel dieses Projektes bürgerlicher Aussteiger genauer nachvollziehen.

Das Buch von Stefan Bollmann gab dazu einen guten Überblick, ohne sich allzusehr in Details zu verlieren, der von den Anfängen des Berges bis zu seinem Niedergang nach dem 1. Weltkrieg kenntnisreich berichtet. Erstaunlich dabei, dass die ursprünglichen Ziele der Gründer, die sich nach kaum einem Jahr schon zerstritten, nie erreicht wurden. Selbst die eher moderate Idee einer reformorientierten Heilstätte, wie sie der Kopf und Finanzier des Projektes, Henri Oedenkoven, anstrebte, erreichte nie wirtschaftliche Tragfähigkeit und blieb auf dauernde Zuschüsse aus seiner Privatkasse angewiesen. Allen Unzulänglichkeiten zum Trotz erlangte die Kolonie bei Ascona geradezu katalytische Fähigkeiten. Jeder und jede war mal dort und kam verändert zurück. Besonders schön das Beispiel des Herrn Arnold Ehret, der 1907 dort zur Kur weilte und sich davon zu einer speziellen Apfeldiät inspirieren ließ, die er 1914 mit nach Kalifornien brachte, wo sie von seinen Anhängern als „Ehretism“ bis in die 1970er Jahre weitergetragen wurde. Auf einer ihrer Apfelplantagen machte ein junger Student namens Steve Jobs ein Praktikum und der Rest ist Geschichte…

 

The Changing Social Economy of Art

The Changing Social Economy of Art von Habs Abbing

Dieses Buch von Hans Abbing mit seinem provokanten Untertitel „Are the Arts becoming less exclusive?“ stand schon gut ein Jahr auf meiner Leseliste, die erst in letzter Zeit Raum dafür gab.

Abbing berichtet sehr umfangreich, über alle Gattungen hinweg, von der „Seriousness“ (Ernsthaftigkeit), die in den Künsten herrsche und von allen Beteiligten abverlangt werde. ‚Richtige‘ Kunst darf auf keinen Fall locker, leicht und unterhaltsam sein. Jeder kennt die Atmosphäre, die in einem Museum oder einem Konzertsaal west. Man schweigt dort und nimmt sich zusammen.

Ohne Zweifel handelt es sich bei der Ernsthaftigkeit um ein zentrales Merkmal der modernen Künste, solange sie nicht den populären Genres angehören. (Man sollte sich aber nicht täuschen; innerhalb des Betriebs, vor den Hörern und Fans sorgsam verborgen, ist Pop und Rock ein todernstes Geschäft, das mit zunehmender Konzentration und Globalisierung immer ernster wird. Für die Fans verkörpern Bands wie die Rolling Stones Ausschweifung und Exzess, für die Manager, die hinter der Bühne stehen, multinationale Unternehmen, die Millionen einspielen oder vernichten können. Ähnlich geht es in der Filmindustrie zu.)

Ob diese Ernsthaftigkeit, wie Abbing glaubt, tatsächlich sich in der Auflösung befindet, sehe ich nach der Lektüre, die nur eher allgemeine Phänomene aufzeigte, eher skeptisch. Da das Buch aber sehr handlich in kompakte einzelne Kapitel unterteilt ist, denen jeweils eine kurze These vorangestellt ist, die anschließend behandelt wird, ist es allen zu empfehlen, die sowieso schon der Kunstsoziologie nahestehen. Es bietet einige Anregungen zum Weiterdenken.

Weitere Informationen zum Buch: http://hansabbing.com

 

Die Jupitermonde

Die Jupitermonde von Alice Munro

Zum Schluß noch ein Stück Belletristik, zu der sich schon im letzten Jahr Alice Munro empfohlen hatte. Ich mochte aus diesem Band besonders die Geschichte „Dulse“ von der leicht gedankenlosen Lektorin und Dichterin, die aus einer Laune heraus an die kanadische Atlantikküste fährt, wo sie in einer schlichten Pension absteigt und dort auf einige andere Zufallsgäste trifft. Den charmanten älteren Herrn Stanley, der seiner in der Gegend lebenden und dort verstorbenen Lieblingsautorin wallfahrtet (die der Pension angeschlossene Restauration bekochte die Schriftstellerin, womit zu vermuten wäre, dass der ältere Herr damit genau das speiste, was seine Angebetete auch verzehrte.), sowie den etwas derberen Angestellten einer Telefongesellschaft, die in der Gegend eine Kabel verlegen. Man kommt sich vorsichtig näher und nun könnte die Geschichte Fahrt aufnehmen und etwa auf das spärlich angedeutete Geheimnis um die tote Schriftstellerin und ihren Verehrer zusteuern, was sie aber nicht tut, sondern mit der plötzlichen Abreise der Lektorin unversehens abbricht. Schade, das hätte Stoff für einen Roman abgegeben.

Zweimal Theorie, einmal Vergnügnen. In diesem Jahr nicht ganz ausgewogen; doch ich will nicht klagen. Ich habe hinzugelernt.

  

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