Mein 2020

Mit der Kamera durch das Jahr 2020. Aufnahme an der Trabrennbahn in Hamburg Bahrenfeld.

Mit der Kamera durch das Jahr 2020

Der Jahresrückblick

Da hatte ich dann Anfang 2020 gedacht, ich schaffte es dieses Jahr endlich, meine ungeliebte Mietwohnung zu kündigen, um befreit zu neuen Ufern aufzubrechen, da kam Corona, anfangs noch auf leisen Sohlen, als mässig innerchinesische Angelegenheit und mit wenig Potential zur Beunruhigung (ein zweites SARS vielleicht), dann aber wie mit der Ausdehnung der Tageslänge immer schneller und näher, erst in Italien, Spanien, England und kurz vor dem ‚Lockdown‘ dann Ischgl, das man leicht eine Woche zuvor noch hätte verhindern können, so wurden wir überrollt.

Coronazeiten

Seit 41 Wochen bin ich von vielem abgeschnitten, was zuvor mein Leben ausmachte. Der wöchentliche Seniorensport, das Lachyoga, das ich mir erst 2019 entdeckt hatte, sowie auch die Reisen, ob nach Frankfurt, nach Potsdam (zur Mutter, die ich im Februar zuletzt sah) und ebenso Dänemark (Falster). Nur Schweden konnte ich mir im August erlauben. Neulich kam ich am Bahnhof Altona vorbei und dachte, sieh an, es fahren noch Züge ab. So sehr hatte ich mich schon von meinem früheren Selbst entfernt, das gerne alle 14 Tage dort am Bahnsteig stand. So sehr diese Ruhelosigkeit auch Stress bedeutete, sie strukturierte doch mein sonst ereignisloses Leben. Bald kommt vielleicht der Februar, aber eine Reise nach Falster, wie sie in den Jahren zuvor diese Winterzeit mir aufgelockert hatte, scheint dieses Jahr nicht möglich. Wer weiß, wann die Dänen die Grenze wieder öffnen werden? Das kann Sommer werden. (Und Grönland werde ich sowieso knicken können…)

Alles ist soviel anstrengender geworden, weil soviel mehr geplant und bedacht werden muss, so als müsste eine eigentlich vertraute Fähigkeit neu erlernt werden. Selbst beim Einkaufen. Wenn ich früher etwas vergessen hatte, war das vielleicht ärgerlich, heute bringt es die Frage mit sich, ob es noch vertretbar ist, ein weiteres Mal im Geschäft in der Schlange zu stehen. (Oder mehr noch, ob noch einer Strecke mit den U-Bahn möglich wäre.) Denn niemand weiß so recht, wo jetzt im Endjahr die Ansteckungszahlen herkommen. Aber irgendwo müssen sich die Menschen anstecken. Und die Angst, dass es mich auch trifft, weicht niemals völlig.

Unheil im Homeoffice

Sicherlich gehörte ich zu denjenigen, die besser als andere auf die Bedingungen des Homeoffice vorbereitet waren, da ich, seit Aufgabe meines Ateliers im Jahre 2013, nunmehr mit einer 2 Zimmerwohnung auskomme und mich gut daran gewühnt habe. Dennoch kam mir die weitere Infrastruktur abhanden, etwa in Form des schwedischen Möbelhauses, dessen Café an vielen Nachmittagen mein zweites Büro gewesen war (um einfach mal aus den eigenen 4 Wänden zu kommen), der Stabi oder auch nur der Hamburger Innenstadt, die mich das teils beengte Altona immer mal wieder entfliehen ließ. Neulich stand ich vollkommen verdattert vor dem dunklen und leeren Kaufhof an der Mönckebergstraße und konnte nicht glauben, dass das Haus geschlossen hatte. „Für immer“, stand an einem Schild. Für immer.

Überhaupt gewann ich einen Teil meines absonderlichen Lebens-Sinns dem Umstand ab, dass die Außenwelt einfach normal war. Manchmal bedrückend, bedrohlich, aber immer ihren gewohnten Gang gehend. Mit Corona ist das schlagartig anders geworden und beraubt mich dieses versichernden Gefühls, mich wennauch ohne Einverständnis eben selbstverständlich abgrenzen zu können. Die Welt da draußen ist nicht in Ordnung und ich bin es auch nicht. Dass das plötzlich zusammenpasst, sorgt für Verstörung.

In ähnlicher Weise ging es mir mit dem ‚Online‘. Für uns Netzkünstler der ersten Stunde besaß ‚online‘ noch eine magische Qualität und höhere Wirklichkeit, so dass noch 1996 ein japanischer Künstler mir erklären konnte, wir bräuchten uns nicht mehr real in Tokyo zu treffen, wir hätten uns bereits ‚online‘ kennengelernt. Heute dagegen und mit Corona endlich bedeutet ‚online‘, dass du ganz unten angelangt bist. Tiefer kannst du nicht mehr fallen. Aber so geht es mit vielen Dingen. Dichterisch wohnet der Mensch, sprach einst Hölderlin. Da kannte er IKEA noch nicht.

Schweden dennoch

In Risan an der Landstraße. August 2020.

In Risan an der Landstraße. August 2020.

Ich will nicht nur klagen. Immerhin gelang mir, mit viel Bangen in den Monaten zuvor, im Sommer erneut die Reise zu meiner Hütte in Schweden. Nur musste ich mir einreden, dass der August 2020 großartig war (er war es!), weil die ganze Corona-Situation wie ein Schatten über meinem Aufenthalt hing und auch im Nachhinein nicht weichen will.

Dabei hatte ich auch einiges Glück dort mit der Fotografie, wie auch die Fotografie dieses Jahr insgesamt die ertragreichste war, denn auf meinen einsamen Streifzügen in die nördlich von Bahrenfeld gelegenen, mir bis dahin völlig unbekannten Gebiete Stellingen, Lurup und Eidelstedt, erwies sich sich als die angenehmste Begleiterin. Nichts lässt sich besser alleine verrichten als Fotografie und man ist auch noch Tage danach damit beschäftigt.

Im Großformat habe ich 2020 ein gutes Quantum an Bildern erzeugt, ob auch nebenbei in der Digitalfotografie ist nicht gänzlich abzuschätzen, da das Fotoblog seit einiger Zeit an Softwareproblemen leidet. Zum jetzigen Zeitpunkt sind dort 2262 Bilder für dieses Jahr vermerkt und das ist noch nichtmal schlecht.

Durch die Fotografie und die vielen Ausflüge in die Umgebung bekam sicherlich auch dieses Blog einigen Auftrieb, wie sich allein aus dem Durchschnitt von etwa 3 Artikeln in der Woche ablesen lässt, wenngleich die Seitenabrufe etwas Anlass zur Sorge geben. Mir scheint, als hätte G==gle mich verlassen, was gut daran liegen mag, dass die größeren kunsttheoretischen Beiträge schon einige Jahre zurückliegen und wie wir wissen, versucht die Suchmaschine, möglichst nützliche Artikel anzupreisen, während meine persönlichen Befindlichkeiten, Fotografie hin oder her, sicherlich nicht das größte Interesse finden werden.

Meine Radiosendung dagegen konnte ich mit einem Extra-Beitrag aus Schweden auf volle 12 Sendungen im Jahr bringen. Das gabs noch nie, glaube ich.

Wohin in 2021?

Time Magazine 2020

Tschüss 2020 (wenigstens Trump ist weg)

Auch ohne Corona hatte ich 2020 zu meiner Überraschung und zu meiner Betrübnis Verluste einzustecken und Tote zu beklagen. Meinen guten Lehrer Kurd Alsleben, den geschätzen Kollegen Dirk Paschke (viel zu früh von uns gegangen) und zuletzt noch Michael Lingner, der mich als jungen Studenten verstörte, als er damals erklärte: „Die Qualität moderner Kunst entspringt der Qualität der Kommunikation über moderne Kunst“. Wie hätte ich danach noch weitermalen können?

Wie nun aufnehmen, was ich Anfang des Jahres ins Auge gefasst hatte? Wann kann ich endlich ein neues Zuhause finden? Zwar hatte ich vor einiger Zeit einen erneuten Versuch unternommen, als ich mich in der Gegend von Büchen nach einem Haus umsah, jedoch fehlte mir, eben unter den Corona-Bedingungen, weiterer Mut und Zuversicht und damit die Kraft, auf diesem Weg weiterzugehen. Wie kann ich diese Kraft finden?

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.

(Hölderlin)

  

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