Ein Tag mit Höhen und Tiefen in Wien

Filofax Notizbuch mit Einträgen zum 22.11. 1991 in Wien

Filofax Notizbuch mit Einträgen zum 22.11. 1991 in Wien

Im November 1991 verbrachte ich eine Woche in Wien, um mit meiner Freundin Manu dort Geldmittel für unser angedachtes Kunstprojekt The White Visitation (Kunst und künstliche Intelligenz) einzuwerben. Das erwies sich als unerwartet erfolgreich.

Manu hatte mich schon im Frühjahr 1991 aus Wien kontaktiert und eine Zusammenarbeit vorgeschlagen, vielleicht weil sie mitbekommen hatte, dass ich am Institut für neue Medien in Frankfurt recht unglücklich war. Ich hatte, wohl in Reaktion auf das Kolloqium unseres Gastdozentens Holger van den Boom, ‘Künstliche Intelligenz’ als mögliches Thema vorgeschlagen, ohne recht eine Vorstellung zu haben, wie wir das angehen sollten.

Im Herbst kam dann Manu mit der Nachricht, dass uns die ÖH (Asta) der Wiener Kunstakademie vielleicht den Theseustempel im Volksgarten zur Verfügung stellen könnte. Damals fanden dort Ausstellungen statt. Aufgrund der Entfernung zwischen Frankfurt und Wien, die beiläufigen Ausstausch, wie er gerade in Wien vonnöten war, erschwerte, tauchte sehr dringlich die Frage nach einer Projektfinanzierung auf. Darin waren wir beide unerfahren.

22. November – der Tag

Die ersten Tage in Wien verliefen sehr schleppend, weil wir nicht wirklich wussten, wie man dort Geld beantragen konnte. Wir waren bei der ÖH, wir waren bei verschiedenen Stellen an der Kunstakademie, die sich in Vorbereitung auf ihren 300. Geburtstag befand und daher eine Vielzahl an Projekten initiert hatte, – aber nirgendwo ergab sich eine Gelegenheit, die uns Erfolg versprochen hätte. Alle zeigten sich sehr interessiert an unserem Projekt, wollten aber konkret auf Geld angesprochen, keine Zusagen machen.

Von Frankfurt aus hatte ich einen Bekannten Peter Weibels, Professor Trappl, kontaktiert, der an der Universität Wien einem Institut vorstand, das sich mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen schien. Bei ihm konnte ich für den Freitag Vormittag am Schottentor einen Termin ausmachen. Schneller als gedacht, wurde deutlich, dass Herr Prof. Trappl und sein anwesender Assistent mit unserer zaghaft, poetischen Herangehensweise nichts anzufangen wussten, ja sogar nahezu feindlich reagierten und uns alsbald gerade unhöflich vor die Tür setzten.

Recht belämmert von dieser unerwartet unschönen Reaktion, saßen Manu und ich im nahegelegenen Kaffeehaus (wahrscheinlich das Diglas) und bedachten unseren nächsten Termin, Frau Bundeskuratorin Dr. Pichler vom Kulturministerium, die Manu erst am Tag zuvor zu einem Treffen bewegt hatte.

Wie sagen nichts, beschied ich, in der Absicht, möglichst vage zu bleiben, um mit der uns unbekannten Bundeskuratorin nicht erneut in schwieriges Fahrwasser zu kommen.

Leider hatten wir uns damit in Frau Dr. Pichler verschätzt, die uns umgehend und direkt nach unseren Budgetvorstellungen befragte und auf jedes Zögern unsererseits ihren Einsatz erhöhte, so dass wir am Ende, und wir trauten unseren Ohren kaum, eine vorläufige Zusage von gut 300.000 Schillingen bekamen. Wir fanden uns nach dieser Sitzung erschöpft in die weichen Kaffeehaussessel gedrückt und konnten unser Glück kaum fassen. Eben noch beinahe ausgelacht, keine Stunde später mit einer für uns Studenten beinahe unglaublichen Projektunterstützung bedacht. Das war Wien.

Frau Dr. Pichler, die schon nicht mehr am Leben ist, hatte unser Projekt in der Folge umsichtig begleitet und uns jederzeit jede erdenkliche Hilfe zukommen lassen. Wir hätten es nicht besser haben können.

Am Abend

Der weitere Gang dieses wendigen Tages, es war ein Freitag, verzeichnete nach dem Notizbuch, das mir erhalten blieb, einen typischen Wiener Verlauf. Am früheren Abend ein Kunstevent (ich weiß nicht mehr, wer ‘Odradeks’ waren), danach ging es zum Feiern in den 6. Bezirk. Das Lokal ‘Bach’ sagt mir nichts mehr, ‘Scala’ und ‘Blue Box’ hingegen schon. Letzteres Lokal soll immer noch existieren.

Am Montag, den 25.11. 1991, reiste ich aus Wien ab, wahrscheinlich immer noch von dem Staunen ergriffen, innerhalb der wenigen Tage in der Stadt zu einem so unvorhergesehenen Erfolg gekommen zu sein. Ich weiß nicht, ob ich das je in dieser Weise wiederholen konnte.

  

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