Die Freude der Wörter

Wieder bei mir eingetroffen: Reclam Bändchen Der Reiz der Wörter.

Wieder bei mir eingetroffen: Reclam Bändchen Der Reiz der Wörter. Auf der Parkbank.

Nicht nur mit Corona nahm bei mir die Neigung ab, längere Texte am Stück zu lesen. Es mag damit zusammenhängen, dass die Lektüre am Bildschirm, gleichwelcher Art, von der der ganze Tag eingenommen ist, Texte nur noch als als kleine, leicht verdauliche Häppchen goutiert.

Der Mangel an Ablenkung, den die Kontaktbeschränkungen infolge der Pandemie mit sich bringen, sollte dem ausgedehnten Lesen förderlich sein, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Mein Kopf ist vom beständigen Bedenken und Berücksichtigen und Inachtnehmen so vollgestellt, – ich schrieb an mehreren Stellen davon -, dass schlichtweg keine Muse für Text und Literatur bleibt. Noch nicht einmal im Sommer in Schweden fand ich dahin. (Und dass die Uni Frankfurt uns Externen den Zugang zu den geisteswissenschaftlichen Büchern verwehrt, legt noch einmal eins drauf.)

Ich versuche mich am Abend vor dem Zubettgehen mit Tagebüchern zu retten, ein Format, das ich sowieso (und gegen die Meinung Prousts) sehr schätze und zu ihm mit meiner reduzierten Ausdauer in gutem Einvernehmen stehe. Ein Tag ist immer ein Tag, selbst wenn Harry Graf Kessler, den ich wieder zur Hand genommen habe, ihn mit seitenlangen Reflektionen füllt. (Bei Kessler fiel mir auf, dass seine Kunstbetrachtungen und Museumsbesuche nach 100 Jahren nicht mehr so aufregend wirken wie die Beschreibung seiner Zeitgenossen, ihr Aussehen, ihre Manieren, ihre Kleidung, ihre Fehler. Manchmal sind es gerade die Nebensächlichkeiten, die Wert besitzen.)

Lesen im Schützengraben

Häppchenweise zu lesen, notgedrungen, erinnerte mich an eine Zeit, in der ich durch äußere Umstände ebenfalls gewzungen war, längere Lektüre liegen zu lassen. Während meiner Bundeswehrzeit verwehrten mir die langen und teils aufzehrenden Dienststunden, auf der Wache, bei Übungen, teils des Nachts und irgendwo im Wald oder auf der Pritsche eines LKWs, eine zusammenhängende Lektüre, wodurch ich, durch welchen Zufall weiß ich nicht mehr, zu dem Reclam-Bändchen Der Reiz der Wörter griff und zu meinem ständigen Gefährten machte. Ähnlich den Tagebüchern enthielt es eine Vielzahl kurzer, nur 1-2 Seiten umfassende Betrachtungen zu literarischen Themen, die mit Wort, Gedanke und Sprache im weitesten zu tun hatten. Oftmals eine Lyrikzeile, manchmal ein kurzer Sinnspruch.

Sobald eine der vielen, vielfach sinnlosen Pausen auftrat, konnte ich zu meinem Reclam greifen, eine beliebige Seite lesen, aus der ich fast immer eine geistige Stärkung bezog (sehr wichtig in der Stupidität des Dienstes) und beim Weitermachen ohne Reue das Büchlein weglegen. Jede der unzähligen Reflektionen gelang es, fast unbeteiligt und beiläufig einen Samen des Nachdenkens-Erkennens in mir zu pflanzen, der oft später in mir aufging und zuweilen bis heute in mir anhielt.

Als ich über die Bedingungen der Lektüre unter Corona nachdachte, kam mir der schmale Band wieder in den Sinn. Ich versuchte mich ganz konkret an einzelne Episoden zu erinnern, was mir nur bei fünfen unter Schwierigkeiten gelang. (Ici pour admirer. Deutschland um 1900. Jena vor uns im Tale. Wer wenn ich schrie. Japanischer Weg.) Kurzum gab ich eine antiquarische Bestellung auf, die heute schon eintraf. Mein Gedächtnis wurde angenehmst um folgende Beiträge ergänzt:

— Andrew Marvell, The Garden
— Das Unbeschreibliche
— Sapere aude
— Es gilt zu leben zu versuchen (Valéry)
— Schicksalswege (Paustowskij)
— Sieht aus wie alle (Bachmann)
— Brief Beethovens
— Persicos odi puer (Horaz)
— dass mir auf Erden nicht zu helfen war (Kleist)
— I like Fremdwörter

Ich glaube, dass mir kein anderes Buch, füllhorngleich, eine solche Anzahl von Anregungen gab wie dieses. Es war ein Geschenk.

  

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