Wie schon die letzten Jahre blieb meine Neigung zur Belletristik schwach, geradezu von Abneigung geprägt, weswegen ich mir auftrug, es mit einigen Klassikern zu versuchen, die meine Leselücken füllen sollten. Das gelang mir mit vier Büchern.
Traurige Tropen
Sicherlich ein Klassiker der Ethnologie, der als Reisebericht aus heutiger Sicht ein vergangenes Brasilien beschreibt, worin der Autor sich schon in seiner Zeit, den 1930er Jahren, als Zuspätgekommener versteht, der die indigenen Völker der großen Ebenen und Wälder des Amazonas nur als von der Zivilisation verdorbene vorfindet, die ihn mit Trauer füllt. (Daher der Titel). Er ringt sich dennoch folgende produktive Erkenntnis ab: „War früher alles besser?“ „Ja, bestimmt. Aber wir hätten damals nicht die Fragen von heute stellen können.“
Am Anfang der Buches nervte mich die tonreiche, preziöse, oft übertrieben aufgetragene Sprache des Autors, die der Nüchternheit des Gegenstands eher im Wege zu stehen schien. Einige Adjektive und Adverbien weniger hätten gut getan. Im Laufe der Lektüre schwächte sich dieser Effekt zum Glück ab.
Mir wurde nebenbei bei der Lektüre deutlich, wie wenig ich über Brasilien weiß.
Austerlitz
Der Bericht vom Versuch, einen außerordentlichen Verlust zu bewältigen, die Suche nach dem eigenen Ich, in Gegenwart und Vergangenheit, sich selbst wieder heil und ganz zu fühlen, wird von WG Sebald in einer geradezu hypnotischen Sprache gemeistert. Wer ist Austerlitz, wer war Austerlitz, die nur oberflächlich greifbare Hauptperson des Berichts, stellt sich als zuerst sprachliches Problem dar; die Worte zu finden und zum Ausdruck zu bringen und jeweils daran zu versagen, werden in diesem Text mit eben dem Versuch, nicht daran zu scheitern gleichgesetzt. Ausdruck dessen ist eine beständige Indirektheit allen Beschreiben und Berichtens, für die diese Zeile stellvertretend steht: „Ich erinnerte mich, sagte er, sagte Austerlitz … meinte sie, meinte er …“.
Wie sich erinnern, wie die vergangenes Zeit festhalten, das wird als ein Grundproblem der eigenen Existenz vorgebracht und in diesem Abschnitt beispielhaft veranschaulicht:
Wenn ich beispielsweise irgendwo auf meinen Wegen durch die Stadt in einen jener stillen Höfe hineinblicke, in denen sich über Jahrzehnte nichts verändert hat, spüre ich beinahe körperlich, wie sich die Strömung der Zeit im Gravitationsfeld der vergessenen Dinge verlangsamt. Alle Momente unseres Lebens scheinen mir dann in einem einzigen Raum beisammen, ganz als existierten die zukünftigen Ereignisse bereits und harrten nur darauf, daß wir uns endlich in ihnen einfinden, so wie wir uns, einer einmal angenommenen Einladung folgend, zu einer bestimmten Stunde einfinden in einem bestimmten Haus.
Dies war eine ergreifende Lektüre für mich. Schade, dass dieser Autor so unzeitig aus dem Leben gerissen wurde.
No longer human
Von WG Sebald zu Osamu Dazai, ein großer Sprung in eine andere Welt, die von der Form her, als Bericht eines Ich-Erzählers oberflächliche Ähnlichkeit mit Austerlitz aufweist. Hier wird auf dem Höhepunkt der japanischen Moderne eine Coming-of-Age Geschichte vorgetragen, die, man ahnt es, über Irrungen und Wirrungen, den noch jugendlichen Erzähler schließlich das Leben kostet.
Ich sah manche Bezüge zu ähnlich gelagerten Erzählungen, The catcher in the rye oder Bonjour tristesse, bis hin zu, zeitlich nachfolgend, Less than zero (Bret Easton Ellis) oder Trainspotting (Irvine Welsh), wobei die japanische Version, meine ich, nicht ganz an ihre westlichen Entsprechungen heranreicht. Dennoch eine vergnügliche Lektüre.
Tricks
Und zum Abschluss der Hüttenzeit las ich noch drei Kurzgeschichten von Alice Munro aus dem Band Tricks. Ich kann nicht mehr ganz sagen, worum es genau ging, begeisterte mich aber, wie immer bei Munro, für das Setting, ein Kanada der Vergangenheit, in dem die Menschen noch tagelang in Zügen durch das riesige Land fuhren und dabei viel Zeit hatten, Pathie und Antipathie für einander zu entwickeln, die dann in den folgenden Geschichten ausgeführt wurden. Der besondere Reiz bei Munro liegt immer darin, den Leser behutsam auf diese Reisen mitzunehmen und bei entsprechender Gelegenheit wieder abzusetzen, auf sich selbst gestellt, dem Zug nachblickend, auf Anschluss wartend. Und so bis bald.
Gemessen an den anfänglichen Vorbehalten würde ich sagen, nicht schlecht durch meine diesjährige Lektüre in Schweden gekommen zu sein.





