Die erste Hälfte 1986

Fotonegative im Format 6x6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden. Aufnahmen in Hamburg.

Fotonegative im Format 6×6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden.

Das Jahr 1986 war das Jahr, in dem ich in Hamburg Fuß fasste. Besonders die erste Hälfte war eindrücklich und intensiv. Einige Erinnerungen.

Januar

Nachdem ich Mitte Dezember in der Repsoldstraße rausgeflogen war und die Weihnachtstage bei meinen Eltern verbrachte hatte, kam ich zu Beginn des neuen Jahres wohnungslos nach Hamburg zurück. Michael von der Freien Kunstschule bot mir Unterkunft in seinem Schuppen an. Die erste Etage eines Werkstattgebäudes in der Oelkersallee.

Ich besorgte mir einen Skizzenblock im Format A5 und A6 und zeichnete in Museen und Cafés. Besonders hatte es mir eine Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe zum Thema Parfum angetan. Ich nutzte einen feinen technischen Filzstift, der mir gut gefiel, aber den Zeichnungen nicht zugute kam. Der Strich wirkte faserig und spröde.

Am 23. Januar starb Josef Beuys.

Unweit der Oelkersallee in der Fettstraße lag das Café Vienna. Wie ich später an Ort und Stelle besehen konnte, entsprach die Einrichtung exakt der eines Wiener Kaffeehauses. Es wurde schnell mein Lieblingscafé in Hamburg. (Neben dem Café unter den Linden) Besonders mochte ich die sich an den Wänden entlangziehenden Polsterbänke.

Das Institut für Musikwissenschaft an der Moorweide hatte im Keller zwei Kabinen, in denen Pianos standen. Dort ging ich oft zum Spielen hin. Niemand kontrollierte mich.

Februar

Durch Vermittlung einer Mitstudentin von der Freien Kunstschule fand ich am Neuen Kamp 1 ein großes Zimmer, das vom 3. Stock aus einen Blick über das Schlachthofgelände erlaubte. Es war auf 3 Monate begrenzt. Nachts leuchtet das Wort Nordfleisch zu mir herüber. Die beiden Mitbewohner kannte ich nicht. Einer arbeitete als Koch bei seinen Eltern im Restaurant in Harburg. Nach Ende der Schicht brachte er Essen mit, das dort nicht verbraucht worden war, so dass ich morgens in der Küche Töpfe voll mit Braten und Saucen vorfand. Der andere Mitbewohner, – ich erinnere noch seinen Namen, Peter -, war Bummelstudent, der sich besonders nächtlichen Exkursionen und Frauen widmete. Mit dem anderen kamen er meistens nicht vor 4 oder 5 Uhr am Morgen zurück und schlief bis in die Puppen. Die beiden hatten auch eine Band oder ein Musikprojekt. Oft hörten sie die Ergebnisse ihrer Sessions mit dröhnender Lautstärke an. Der Stil sagte mir nichts. Für mich war es damals Krach. Heute hätte mich interessiert, was es genau gewesen war. Peter brachte nie Frauen mit in die Wohnung. Sie riefen aber in großer Zahl bei ihm an. In seiner Abwesenheit nahm ich den Hörer ab. Einmal sagte ich so etwas, wie: „Peter ist mit Jenny im Kino.“ Darauf bekam ich einen schweren Rüffel, ich dürfte niemals sagen, mit wem er sich träfe. Mit dem anderen Mitbewohner fuhr Peter an Freitagen oder Samstagen mit der letzten Bahn nach Poppenbüttel, wo sich einer der wenigen Technoclubs befand. Ich glaube, er hieß Kir. Ähnlich, wie ich es nach Jahren bei Hans Nieswandt las, rüsteten sie sich wie zu einer Bergtour aus. Verstauten Thermoskannen und dicke Stullen in ihren Ledertaschen. So als gingen sie auf Schicht, was es ja auch in etwa war. Sie kamen an Sonntagen meist nicht vor 8 Uhr morgens zurück. Ich hingegen war zu brav, mich ihnen anzuschließen. Nach dem Ende dieser WG traf ich Peter noch zwei Mal. Er hatte wenig später eine Wohnung nahe der Schanzenstraße bezogen, wo schon, wie zuvor am Neuen Kamp, sein Bett das ganze Zimmer einnahm. Um 2013 begegnete ich bei einer Eröffnung einem Menschen gleichen Namens, jetzt Filmkritiker bei einer Hamburger Stadtteilzeitschrift. Obwohl er mir bestätigte, einmal an besagter Anschrift gewohnt zu haben, passten seine weiteren Erinnerungen nicht mehr mit meinen zusammen, so dass unklar blieb, ob ich wirklich auf den ehemaligen Mitbewohner traf.

März

Fotonegative im Format 6x6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden. Nachtaufnahmen am Valentinskamp in Hamburg.

Fotonegative im Format 6×6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden.

Mein Vater hatte mir nahegelegt, die Galerie Brockstedt in Harvestehude zu besuchen. Dem kam ich nach, obwohl mir das Programm nicht sonderlich zusprach. Ich wußte auch nicht, dass die Eröffnungen von älteren Männern besucht wurden, die auf deutlich jüngere Männer standen. Zuerst sprach mich ein Chirurg vom Krankenaus Eppendorf an. Mit ihm traf ich mich mehrmals, aber der Kontakt schlief bald wieder ein. Danach machte ich eine interessantere Bekanntschaft. Fredolin, damals Ende 40, entstammte einer alten Hamburger Kaufmannsfamilie, mit der er sich aber überworfen hatte und von ihr nur noch eine kleine Rente bezog. Er wohnte in Winterhude in einer sehr vornehmen Einzimmerwohnung mit Blick auf die Alster, die voll mit Bildern und Möbeln seiner Vorfahren war. Auf mich als frischen Studenten wirkte das bizarr und etwas traurig, denn Fredolin schien eine gescheiterte Existenz zu sein. Heute hätte ich es dagegen besser verstanden. Er produzierte einen auffälligen Adelstick, sprach immer von irgendwelchen ›Hoheiten‹, die ich aber nie zu Gesicht bekam. Einmal berichtete er aufgeregt, er hätte den ›Thronfolger‹ getroffen. Dabei musste es sich wohl um Louis Ferdinand von Preußen gehandelt haben, den Großvater des heutigen Hohenzollerns Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, der damals erst 13-14 Jahre alt war. Mir kam das reichlich schrill vor.

April

In der Nähe des Bahnhofs Sternschanze lag ein kleiner Fotoladen. Dort erwarb ich die erste Kamera seit meiner Kindheit. Eine gebrauchte 6×6 mit Faltbalgen. Vielleicht aus den 40er oder 50er Jahren stammend. Viel fotografierte ich damals aber nicht. Erst auf der Kunsthochschule im Jahr darauf animierte mich ein Fotokurs, auch eigene Filme zu entwickeln.

Ostern verbrachte ich das erste Mal nach 2 Jahren Pause wieder mit meinen Eltern in Davos. Beinahe wäre ich mit neuen Ski schwer verunglückt. Die Erfahrungen in der Kunstschule erlaubten mir, einen großen Skizzenblock mitzunehmen und meine Eindrücke der Bergwelt mit Acrylfarben festzuhalten. (Acryl weil intensiver in den Farben und schneller trocknend als Aquarell.) Die Bilder machten nach meiner Rückkehr einigen Eindruck. Einzig das Papier des Skizzenblocks wurde kritisiert. Angeblich zu künstlich.

In St.Pauli entdeckte ich einen kleinen Laden, der japanisches Kunstgewerbe anbot, auch Zubehör für die Teezeremonie. Als die Inhaberin von meinem Interesse dafür erfuhr, bot sie mir die Teilnahme an einem privaten Kursus für Interessierte an. So kam es, dass ich regelmässig (alle 1-2 Wochen) in die Welt des japanischen Tees eintauchte. Zuerst lernte ich, dass es mehrere Stufen der Zeremonie gab, in aufsteigender Komplexität und Schwierigkeit. Am Anfang stand eine Form, die mit einem Tablett durchgeführt wurde (Bonryaku). Quasi für den „Hausgebrauch“. Darauf folgte die einfache und darauf die große Teezeremonie. Beide auf Tatamimatten mit Holzkohleofen und Wasserkessel. Bei Frau Mizuki versuchten wir uns an der einfachen Zeremonie in reduzierter Ausführung. Manchmal kam ein Herr von der japanischen Gemeinde Düsseldorf vorbei, um uns zu unterstützen. Er war furchtbar streng und korrekt.

Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Ich erfuhr erst einige Tage später davon, schon in Wien, wo ich mich darüber wunderte, dass es plötzlich keine Milch und kein Obst gab.

Mai

Fotonegative im Format 6x6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden. Nachtaufnahmen am Valentinskamp in Hamburg.

Fotonegative im Format 6×6 schwarzweiß, mit der ersten Kamera 1986 entstanden.

Michael, der ebenfalls seinen Schuppen in der Oelkersallee verlassen musste, hatte bei der SAGA vorgesprochen, die ihm eine Wohnung am Valentinskamp vermittelte. Später wurde diese Ecke als Gängeviertel bekannt. Die Wohnung lag in einem Hinterhof, im vierten Stock, sehr hell, bestand aus 4 Zimmern, von denen je zwei Durchgangszimmer waren, so daß die Aufteilung auf 2 Personen naheliegend war. Sie besaß Ofenheizung, eine Innentoilette, aber kein Bad. Michael baute in der Küche kurzerhand eine Dusche ein. Sehr improvisiert aus Dachlatten und Plastikfolie. Das heiße Wasser dafür wurde dem Gasdurchlauferhitzer entnommen, wofür man einen Schlauch mit dem Wasserhahn verbinden musste. Die Einstellung der nötigen Wassertemperatur brauchte sehr viel Feingefühl. Beim Einzug Anfang Mai herrschten noch fast frostige Temperaturen, die den Nachteil der Wohnung, ihre schlechte Isolation, deutlich zu Tage treten ließ. Mit zunehmend sommerlichen Wetter wurde sie immer freundlicher.

Kurz nach dem Einzug wurde mir das Fahrrad gestohlen.

Ich unternahm eine Reise nach Wien.

Juni

Ich verliebte mich an der Freien Kunstschule in eine Frau, die den aufregenden Namen Mercedes trug. Leider klappte es nicht mit ihr. Sie war mir wohl zugeneigt. Denn einmal waren wir bis 5 Uhr morgens in St. Pauli gewesen. Wahrscheinlich stellte ich mich aber zu tollpatschig an. Bei meinem späteren Aufenthalt in Hamburg bemerkte ich, dass ihr Name noch immer am Klingelschild jener Straße in Eimsbüttel stand.

Neben der Teezeremonie versuchte ich mich auch in Zazen.

  

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