Während ich alte Briefe sortierte, fand ich diese Notiz, die dem Briefwechsel mit einem älteren Freund entstammte. Sie gab eine Einschätzung wieder, ob ich als freier Künstler Erfolg haben könnte.
Ich hatte als Schüler und später als Kunststudent einen 6 Jahre älteren Brieffreund, der in Essen Kunsterziehung studierte und regen Anteil an meinem Versuch nahm, ein freier Künstler zu werden. Hier schickte er mir ein Protokoll eines Gesprächs, das er um 1986 mit einem seiner Lehrer, Hans Glagovsek, geführt hatte.
Daran fand ich zwei Dinge bemerkenswert:
1) Die abschließende Frage von Herrn Glagovsek: Sollte man überhaupt Menschen, die als Künstler ›Charakterschweine‹ sein müssten, um Erfolg zu haben, an einer Kunsthochschule aufnehmen?
Die Frage ist bizarr, denn dann bräuchte man am Ende gar keine Kunsthochschulen.
In der Realität sah es so aus, dass die meisten Kunststudenten keine ‚Charakterschweine‘ waren und (folglich) auch keinen Erfolg hatten. Was hatten sie aber dann auf der Kunsthochschule gelernt?
2) Der Ratschlag von Herrn Glagovsek, eher in Richtung angewandte Kunst, also Kommunikationsdesign zu gehen, klang damals noch naheliegend und vernünftig. Wie ich aber neulich im Gespräch mit einer Freundin erfuhr, die genau diesen Weg eingeschlagen hatte, hatte sich in der Zwischenzeit gerade die Illustration in ein komplett chancenloses Unterfangen verwandelt. Die Budgets selbst größerer Unternehmen seien „komplett gegen Null“ gegangen, so dass nur noch naive Berufsanfänger um Jobs konkurrierten. Den Rest erledigte dann die KI.
Zuletzt noch, den Herrn Hans Glagovsek kann man nirgendwo mehr finden. Eine Online-Recherche verweist gerade noch auf ein Handbuch Essener Künstler aus dem Jahre 1994. Anzunehmen, dass Herr Glagovsek kein ___ war.
Gespräch mit Hans Glagovsek, Lehrer am Studienzweig Malerei innerhalb des Studiengangs Kommunikationsdesign, ehemaliger Lehrer der Folkwangschule.
Spontaner Eindruck: Das sind Leute, da fragt man sich, was die noch auf der Akademie wollen, die wissen ja alles schon vorher.
Viel missverstanden, ein typisches Produkt unserer Kunstpädagogen, die immer auf Ergebnisse trimmen, nicht aber auf den Erwerb von Fähigkeiten durch längeres Bemühen.
Kriterien für die erfolgreiche Annahme an der KA könne man nicht angeben.
Zur Begabung äußerte er sich nicht negativ und sagte auf meine Frage, ob das ausreiche, das könne man nicht wissen.
Wichtig seien hier wohl Naturstudien und weniger "anspruchsvolle" Versuche.
Vom Studium der freien Kunst riet er wegen der miserablen Zukunftsaussichten ab. Besser sei es noch, einen Dip1omstudiengang zu wählen, z.B. Kommunikationsdesign — Schwerpunkt Illustration oder ähnlich.
Entscheidend sei neben der Begabung die Bereitschaft zur intensivem Auseinandersetzung und das Ablassen der Orientierung auf Endprodukte wie sie aus den vorgelegten Bildern deutlich hervorgehe.
Daneben äußerte er sich dazu, daß eine einmalige Ablehnung natürlich kein Kriterium sei. Wer wirklich entschlossen sei, der probiere es auch nach der 100. Ablehnung ein 101. Mal.
Zu freier Kunst als Broterwerb: Wer das schaffen will, muß heute ein Charakterschwein und Egoist sein und die Leute für sich einsetzen, dann aber fallen lassen, wenn er sie nicht mehr braucht. Und es fragt sich doch, ob man das durch eine solche Entscheidung fördern sollte.

