Das Atelierhaus als Ort der Einschließung – Post Foucault

Atelierhaus Atelierfrankfurt in der Schwedlerstraße, Frankfurt. Fotografie im analogen Großformat 4x5 auf Kodak Plus X Pan.

Atelierhaus Atelierfrankfurt in der Schwedlerstraße. Aufnahme im Format 4×5 analog.

Bekanntlich stellte uns Foucault als die klassischen Orte der Einschließung in der Moderne das Krankenhaus, das Gefängnis und die Psychiatrie vor. Es wird Zeit, nach Foucault, einen weiteren Ort der kulturalisierten Postmoderne hinzuzufügen: das Atelierhaus.

Das Atelierhaus ist neueren Datums, wenngleich seine Vorläufer als Künstlerhaus bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. In Frankfurt entstand zu Beginn der 1990er Jahre ein städtisches Atelierprogramm, das sich vorwiegend auf die Anmietung von Etagen beschränkte. Künstler waren in solchen Gebäuden nur ein Teil der Mieterschaft, manchmal zusammen mit anderen ‚Kreativen‘. Die ersten reinen Atelierhäuser kamen erst, und erstaunlich spät im Vergleich mit anderen Städten, nach dem Jahr 2000 auf. Zuerst Atelierfrankfurt (2004), dann Basis an zwei Standorten (2006/2008).

Mit dem Umzug des Atelierhauses Atelierfrankfurt von der Hohenstaufenstraße an die Hanauer Landstraße, vergrößerte sich nicht nur das Atelierangebot, die Stadt Frankfurt löste auch einige eigene Atelieretagen auf und stellte die dortigen Künstler vor die Wahl, in das neue Atelierfrankfurt umzusiedeln. Nachdem die Gruppe Basis auch den Zuschlag für die städtische Raumagentur RADAR erhalten und dadurch weitere Atelierräume geschaffen hatte, sowie permanent neue erschließt, ist zwischenzeitlich davon auszugehen, dass ein großer Teil der Frankfurter Künstler in Atelierhäusern untergebracht ist.

Das Atelierhaus als spezifische Einschließung

Anders als bei den Insassen der klassischen foucaultschen Einschließung sind die Insassen des Atelierhauses freiwillig dort. Sie wurden nicht aufgrund einer als unangenehm empfundenen Abweichung von der Norm dort eingewiesen. Sie empfinden den Aufenthalt im Atelierhaus als erstrebenswert. Sie glauben an seine besondere Qualität, wenn sie sagen, dass sie sich dort entfalten, kreativ sein könnten. Den Austausch mit anderen pflegen. Sie empfinden sich als besondere Menschen an einem ihrer Besonderheit entgegenkommenden, angemessenen Ort.

Dabei ist die Eigenschaft, kreativ zu sein, nur ein ins Positive gewandeltes psycho-pathologisches Erscheinungsbild. Nicht mehr der alte Irrsinn oder (romantisch aufgehübscht als Genie und Wahnsinn), eigentlich überhaupt kein Defizit mehr, sondern eine, an Beuys erinnernde, dem Allgemeinmenschlichen zugehörige Einstellung, die denen, die sich Künstler nennen, nur quantitativ mehr zukommt als den normalen Menschen. Sie müssen nicht mehr gebessert werden, sie streben (wie im ZEN-Kloster) von sich aus nach Besserung.

Die Insassen des Atelierhauses ordnen sich selbst. Sie werden kaum mehr einer Disziplin unterworfen. Und wenn, einer Disziplin, die vollkommen im Einklang mit den Erfordernissen der Kreativität steht. Disziplin und Selbstoptimierung werden eins.

Das Atelierhaus ist die Ort-Anwesenheit der Kreativität selbst.

Gegenwärtig ist die Nachfrage nach Atelierplätzen in Atelierhäusern weitaus größer als das Angebot. Wartelisten dehnen sich aus, es könnten überall weitere Atelierhäuser entstehen.

Atelierhaus everywhere

In seinem Buch Planned Obsolescence (2019) träumte der schwedische Künstler Henning Lundkvist, ganz Kopenhagen von riesigen Lagerhäusern (Storage spaces) überzogen zu sehen, die alle Kunstwerke aufnähmen, die die erfolglosen Künstler der dänischen Hauptstadt nicht absetzen könnten.

Ebenso könnten wir uns Frankfurt komplett von Atelierhäusern eingenommen vorstellen, über die ganze Stadt verteilt, in denen nicht nur Künstler arbeiteten, sondern alle anderen Einwohner auch, denn jedem von ihnen stünde ein kreatives Leben und der entsprechende Ort zu, es zu verwirklichen. Und alle wären glücklich.

  

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