Schattenwelt – Blinde Flecken der Kunsttheorie und Kultursoziologie

Kunsttheorie und Kunstsoziologie ungeklärt

Kunsttheorie und Kunstsoziologie ungeklärt

Zu den Gründungsmythen des Internets gehörte die Vorstellung, dass jedes noch so obskure Thema oder Interesse die passende Resonanz fände. Mittels Suchmaschinen erschiene unbegrenztes Matching möglich. Jeder Topf käme zu seinem Deckelchen.

Um so verblüffender, dass sich immer wieder Bereiche finden, die wenig Beachtung abbekommen. Ein solcher ist die Kunstsoziologe, – die Nische einer Nische -, wie auch Teile der Kunsttheorie und die aus ihr folgenden Konsequenzen.

Ich liste vier Beispiele auf, die ich vor abschließender Behandlung zur Nachforschung und Diskussion stellen möchte.

Mich beschäftigen folgende Fragen:

1) Die Ausgaben für Bauprojekte der Hochkultur kennen keine Grenzen

Ob Neubau oder Modernisierung, Bauvorhaben der Hochkultur sprengen regelmäßig die projektierten Kostenrahmen. Beispielhaft die Hamburger Elbphilharmonie. Von Anfangs 77 Millionen auf 866 Millionen. Nicht ganz so krass, aber ebenfalls bemerkenswert, das Museum der Moderne in Berlin. Zu Beginn 200 Millionen, jetzt 360 Millionen, projektiert 450 Millionen. (Weitere Beispiele: Oper Stuttgart, Oper Köln oder Opéra Bastille in Paris.)

In Frankfurt plant man für den Neubau der städtischen Bühnen 1,3 Milliarden, plus 200 Millionen für ein Grundstück. Bislang ist noch kein einziger Stein bewegt worden.

Allen diesen Projekten ist gemeinsam, dass sich gegen die Kostensteigerungen fast keinerlei Widerstand regt. Sie werden als scheinbar alternativlos hingenommen. Das wird besonders deutlich, wenn man im Vergleich andere staatliche Ausgaben in der Kultur heranzieht. In Frankfurt und Hamburg werden Ausgaben für die lokale Kunstszene im mittleren sechsstelligen Bereich angesetzt. Selbst die gesamte Bildenden Kunst mit allen Museen und Institutionen zusammen sieht schwach aus gegen die Ausgaben für die jeweiligen Baugroßprojekte. Von Seiten der Künstler kam bislang keinerlei Kritik. Wie ist das zu erklären?

Aus soziologischer Perspektive sollten hier zwei Fragen anschließen:

1a) Wird im Falle der Bauprojekte Kultur anders, nachsichtiger als andere Bereiche öffentlicher Ausgaben behandelt? 1b) Und warum werden innerhalb der Kultur einzelne Sparten und Bereiche sehr unterschiedlich bedacht?

2) Wenn 1) bejaht wird, ist die verschärfende These von Ronneberger (2011) gerechtfertigt, der Kultur als Transformator, als Tauschmittel, als Energie sieht, ohne die politisches Handeln nicht mehr verständlich erscheint. Also, Politik ist Kulturpolitik oder sie ist es nicht.

Material und Diskussion

Zu Hochkultur:

https://www.deutschlandfunk.de/kultur-und-wissenschaft-grundsteinlegung-fuer-museum-der-moderne-in-berlin-dlf-22d627a1-100.html`

Jüngstes Beispiel, Beethovenhalle Bonn. Von 60 Mio. auf 220 Mio. DLF, 16.12. 25

Kulturalisierung allgemein, Cultural turn:

=> Jameson, Cultural logic of late capitalism
=> Raymond Williams
=> Romantischer Antikapitalismus
=> Reckwitz, Kulturmaschine
=> ältere Opposition Kultur vs. Zivilisation, spez.deutsch?

Anderes:

— Aufstieg der Künstlerkritik (Boltanski/Chiapello). Verschiebung innerhalb der Kritiken. Weg von Ökonomie und Macht, hin zu Kultur.

Zu Ronneberger:

— Klaus Ronnebergers Begriff der „Kulturalisierung“. „Was nicht kulturalisiert werden kann, kann nicht mehr erscheinen.“

https://www.uni-frankfurt.de/130968822.pdf#page=54

https://web.archive.org/web/20130801181533/http://kwassl.net/2012/12/20/diese-stadt-haben-wir-satt-wie-sie-ist-ist-sie-mist-ein-ruckblick-zum-global-city-%C2%ADaufstieg-frankfurts/

http://moblog.thing-net.de/post.php/6570

Zur Kulturalisierung gehört, dass nichts umgewidmet werden kann, ohne dass Kultur reinkommt. Auch Hausbesetzer wünschen sich immer gleich ein Kulturzentrum.

Es scheint nie zu viel Kultur zu geben. Obwohl die Bedingungen darin so schlecht sind.

Seit dem Buch Kulturinfarkt (2012) hat es keine grundlegende Kritik mehr an der Kulturfinanzierung in Deutschland und der Bevorzugung der Hochkultur gegeben. Oder?


2) Kunst und Literaturpreise werden nicht in Frage gestellt

Kunstpreise, Literaturpreise, Auszeichnungen aller Art sind zahllos. Sie gehen in die Tausende. Jedes Jahr kommen neue hinzu.

Der Soziologe P.M. Menger (2014) geht davon aus, dass nirgendwo soviel Ranking existiert, mit Ausnahme des Sports, wie in der Kultur.

Trotzdem existiert fast keinerlei kritische Bewertung dieser Bepreisungspraxis. Die Probleme sind jedoch vielfältig:

— mit Kulturpreisen werden Gewinner und Verlierer bestimmt. Dagegen ist die Kultur in weiten Strecken Bewertung avers eingestellt. Thomas Mann besser als Robert Musil? Wer kann das sagen?

— wer entscheidet nach welchen Kriterien, wer preiswürdig ist? Siehe Punkt 4. Wer sagt, was Kunst ist?

— warum wird in den Medien über Kulturpreise wie Naturereignisse berichtet? Als seien sie etwas, das uns wie aus dem Nichts überfällt. (Kulturpreise sind selbst Kultur)

— warum wehren sich die Verlierer dieses Systems nur sehr selten? (Anders herum: wer profitiert von dem System?)

Die Literatur dazu ist vorhanden. Ich verweise besonders auf die Studie von J.F. English (2005). Doch die Diskussion scheint nicht in der Breite angekommen zu sein. Künstler oder Autoren werden gerne als sensibel oder sogar kritisch eingeschätzt. In der Regel hört man von ihnen aber nichts zu Kulturpreisen. Wäre eine Autorin denkbar, die sagte: „Oh je, jetzt habe ich so einen Preis bekommen. Warum nur? Das wollte ich nicht.“ Nein, sie bedanken sich artig, nehmen Preis und das Geld (so es welches gibt) an und machen weiter.

3) Social Media wird nicht als Arbeit gesehen

Millionen Menschen füllen jeden Tag Social Media. Twitter, Facebook, Instagram, Youtube, TikTok und viele mehr. Sie erstellen kleine Beiträge, posten Fotos, erstellen Präsentationen und Videos. Sie interagieren mit anderen Inhalten, in dem sie liken, reposten oder kommentieren. Sie werden dafür nicht bezahlt und sind noch nicht einmal in der Lage, ihr Tun als Arbeit anzusehen [*].

Nur wenige User von Social Media können mit ihrer Tätigkeit Geld verdienen. Meist handelt es sich im hochspezialisierte, professionelle Influencer. Die Eigentümer der Plattformen, einige wenige, werden Milliardäre.

In der Zukunft wird man vielleicht einmal sagen, die Menschen des frühen 21. Jahrhunderts hätten für 1-2 Likes am Tag gearbeitet.

In der Zukunft ...

Im 19. Jhdt. wäre das extremer Pauperismus. Aber heute ohne Leidensdruck.

Zudem kommt, dass Anerkennung in den Netzwerken äußerst ungleich verteilt ist. Mit den Worten P.M. Mengers wäre auch hier (analog zur Kunst) von einer Konkurrenzökonomie reinster Ausprägung zu sprechen. Das Bild eines Sonnenuntergangs, einer Katze, einer Almwiese kann 2, 5, 10, 500, 200.000 oder 2 Millionen Likes bekommen, ohne dass ersichtlich wäre, worin der Grund der jeweiligen Bevorzugung läge. Bilder, die sich nur minimal unterscheiden, können höchst unterschiedlich bewertet werden. Die meisten bekommen gar keine Likes. Auch dagegen regt sich nur in seltenen Fällen Unmut oder gar Widerstand. Warum?

Material und Diskussion

[*] Hier schlägt Social Media den Bogen zur Kunst, wo eine ähnliche Einstellung herrscht (zeitlich vorangehend). Beide zusammen vor dem Horizon der „condition postmoderne“ und des „late capitalism“ (Jameson 1984).

Daten:

https://www.socialinsider.io/social-media-benchmarks


4) Der Status von Kunst bleibt ungeklärt

Bis heute bleibt theoretisch (und damit auch praktisch) ungeklärt, welche Eigenschaft einen Gegenstand oder ein Ereignis notwendig & hinreichend (oder wenigstens sehr wahrscheinlich) zu Kunst macht (Kunststatus verleiht). Stichwort Kunstdefinition. Die Literatur dazu ist lang.

Es besteht ein gewisser Konsens darüber, dass es wahrscheinlich die eine Eigenschaft nicht gibt, sondern, dass Institutionen der Kunst, das Kunstsystem, der Kunstbetrieb (Danto: Artworld (1964)) Gegenständen oder Ereignissen einen Kunststatus verleihen. Wie genau, nach welchen Kriterien das geschieht und warum diese Kunstzuschreibungen Bestand haben oder auch nicht, bleibt ungeklärt. Oder? Wie steht es um die institutionelle Theorie der Kunst nach Dickie?

Ungeachtet dieser theoretischen Dürftigkeit existiert fraglos Kunst. Kunst wird produziert, ausgestellt, gehandelt, besprochen, taxiert, kritisiert usw. Kunst ist ohne Zweifel allgegenwärtig. Gerade die Kunstkritik sollte Skrupel angesichts fehlender Begründung verspüren. Zwar treten hier und da Bedenken auf, eine grundlegende Krise ist aber nicht zu bemerken. (Jede Art von Sprechen über Kunst, ob in normativer oder deskriptiver Hinsicht, ist davon betroffen. Siehe dazu Lehnerer (1994)).

Warum gibt es also Kunst? Als System im Ganzen. Woran hält sie sich? Dazu finden sich in der Literatur kaum Antworten. Ja, die Frage scheint fast gar nicht zu existieren.

Alles ist Kunst..., Ottensen, 19.10. 2009

Alles ist Kunst..., Ottensen, 19.10. 2009

Die drastischen Folgen sind diese: Willkür, Regellosigkeit bei allen Entscheidungen. Extreme Einkommensunterschiede. Mehr als 90% aller Künstler leben an oder unterhalb der Armutsgrenze. Einige wenige können davon leben und noch weniger haben internationalen Starstatus.

Warum scheiden die armen Künstler nicht aus dem System aus? Warum finanzieren die meisten von ihnen ihre Kunst aus externen Quellen (Brotberuf, Zuwendungen von Partnern, Erbe)? Warum agiert die staatliche Kulturförderung ganz analog, anstatt Künstlern ein Einkommen zu sichern, wie es bei anderen Berufen auch üblich ist?

Eigentlich sollten Künstler bemerken, dass ihre Arbeit vollkommen willkürlichen Bewertungen ausgesetzt ist. Doch wie reagieren sie darauf? Thematisieren sie diesen Umstand in ihrer eigenen Arbeit? Ich finde nur sehr wenige Beispiele. Wie ist das zu erklären?

Diagnose: Der Zustand der Gegenwartskunst ist deprimierend. Aber warum empfinde nur ich das so?

Material und Diskussion

Hinweise:

— Das überbietungstheoretische Modell der Kunst (Schmücker 2014, 38), als Brücke zur Frage nach der Kultur. Kunst ist mehr als Ratio, und so auch die Kultur.

— Dass man Kunst nicht definieren kann, bestätigt sie nur. Was wurde dazu bereits publiziert?

— Artspeak. (Es gibt da keine Abhilfe.)

— Künstlereinkommen am Beispiel München (2022) — PDF 1 und PDF 2

— Symptom: bis in die 1960er Jahre war dezidierte Kunstfeindschaft möglich und populär. Literatur: Franz Roh, Streit um die moderne Kunst (1962). Was hat sich seitdem geändert, dass Kunstfeindschaft nur noch in Nischen vorkommt? Auch heute muss es noch eine Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst geben. Doch wo verläuft sie genau?

— s.a. T. Lehnerer
— s.a. Ethnologie (Wer sind die, die an die Kunst glauben?)

Artikel in Auswahl hier im Blog:

==> Kunsturteil, Borgeest

==> Woran hält sich die Kunst?

==> Künstler finanzieren die Kunst, nicht umgekehrt

==> oder ein Video auf Youtube


Wer kann zur Aufklärung dieser vier Fragestellungen Hinweise geben? Was habe ich vielleicht übersehen? Ich freue mich über Kommentare.

 

Zuletzt aktualisiert am 24. Dezember 2025

  

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