Dorfidyll, halb neun

Auf dem Dorf, Blick aus dem Fenster am Morgen.

Auf dem Dorf, Blick aus dem Fenster am Morgen.

Gerade erst aus Paris zurück, nahm ich gerne die Einladung meiner Freunde an, mit ihnen das Wochenende in ihrem Haus am fränkischen Main zu verbringen. Willkommen nach dem Ausklingen der Hitze.

Da auf dem Land ging es sehr gemächlich zu. Nachdem der nahe Kirchturm zur frühen Stunde, um 6, herrisch gebimmelt hatte, beruhigte er sich im Laufe des Tages zu einem gemessen dumpfen Schlag zur vollen Stunde: DONG. DONG DONG.

Auch die Anfahrt verlief glatter als noch vor 3 Jahren. Sie hatten die Anschlüsse verbessert, so dass ich nach einer teils heißen Busfahrt schon nach gut 2 Stunden am Dorfplatz ausstieg. Das alte Haus mit seinen Öfen und knarzenden Holzböden erinnerte mich sogleich an mein Haus in Dänemark. Wie ein schwacher Gruß von einem zu dem anderen.

Was bleibt?

Immer wiederkehrendes Thema unserer Gespräche, in der Küche, unter dem Birnbaum oder bei einem Spaziergang an den Main, Gestalt und Schicksal der Künstlernachlässe. Wie ich von Helga erfuhr, gab es Bestrebungen des Frankfurter Kulturamts zu einer vorläufigen Regelung. Genaueres konnte sie mir allerdings nicht erklären, so dass wir auf Mutmassungen verwiesen blieben und die Sache von ihrer allgemeinen Seite betrachteten. Es herrscht allerortens Überproduktion. Zu viele Künstler produzieren zu viel Kunst, von der niemand weiß, wie sie, wo und für wen aufbewahrt werden kann. Ich erwähnte das Beispiel des holländischen Künstlers und Ökonoms Hans Abbing, der neulich in einer Mail ankündigte, seine Kunst verschenken zu wollen. Eine kluge Idee oder ein Akt der Verzweiflung?

In den Gesprächen wurde mir deutlich, wie wenig ich noch mit dieser Welt der Kunst anfangen kann, ohne mir gleichzeitig einzugestehen, was ich mir alles gefallen lassen musste. Während vorhinein die Kunst auf einen Sockel gehoben, als wertvoll und geradezu unverzichtbar gepriesen wird, geht es auf der Rückseite der hehren Institutionen wesentlich rauer zu. Von Respekt vor Künstlern ist da wenig zu bemerken, wenn sie bei Ämtern und Behörden zu Antrag- und Bittstellern herabgewürdigt werden, so daß ich aus meiner eigenen Erfahrung mir nichts anderes wünschte, als das Personal des Kulturamts Frankfurt allesamt am Pfahl baumeln zu sehen. Die von der Städelschule auch. Kein Erbarmen.

Genau so die Kunsthochschule, – zu ihr passte kein anderer Begriff besser als Irrenanstalt. Denn, redete man dort, intra muros, gerne von Empfindsamkeit und Sensibilität, forderte bestimmt und mit Pathos etwas zu spüren oder zu fühlen, so war schnell untereinander, von Lehrer zu Schüler, von gleich zu gleich, wenig von Empfindsamkeit die Rede. Stattdessen herrschte ein rauer, ein harscher Tonfall, der nicht weniger zum Zweck hatte, als andere zu demütigen und klein zu machen. Ich hatte oft genug, auf allen Ebenen der Hierarchie, die Tränen fließen sehen. Von all dem bekam die Öffentlichkeit wenig mit und glaubte, es mit einem Ort außergewöhnlicher Einfühlung zu tun haben, der vor allem dieser zarten kaum alltäglichen Fähigkeit wegen besondern Schutzes bedürfte. Ein größerer Irrtum ist kaum denkbar. Ich kann sagen, wer freiwillig mehrere Jahre an einer Kunsthochschule zugebracht hat, geht mit einem dramatischen Schaden davon.

Die Natur um uns herum neigte zum Überfluss. Die große Trockenheit schien Obst und Früchten nicht geschadet zu haben. Äpfel, Birnen, Kirschen hingen schon prall im Baum. Hinweis an mich: das nächste Mal Badehose mitbringen. Es gibt einen See neben dem Main.

Nachgetragen

Die Pariser Hitze kam auch direkt nach Frankfurt und bescherte zu Beginn der ersten Juliwoche Werte um die 35°, während derer ich den ganzen Tag in der Wohnung verbrachte. Zum Wochenende hin sanken die Temperaturen wieder. Der vergangene Juni war der wärmste Juni in Westeuropa seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, so der EU-Klimadienst Copernicus. (Wieder einmal.)

  

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