Möge die Schweiz mich schützen, solang bis ich irgend eine weit weit entlegne Zuflucht finde, oder still, als Privatmann in Paris verschwinde, als ein čechoslovakischer Staatsbürger, der die Quais entlanggehen und im Luxembourg sich benehmen darf ohne irgendwann an die Schellen der Politik zu stoßen.
— Rilke an Nanny Wunderly-Volkart am 16.1. 1923
Nach diesem Zitat hatte ich lange gesucht. Endlich hatte mir die KI geholfen. Zeitlich hatte ich seinen Zusammenhang anders eingeordnet. Zwar in Rilkes schweizer Zeit, aber vor den Elegien, deren Vollendung Rilke lange Jahre zweifelhaft erschien und ihn mit der Möglichkeit rechnen ließ, sich ein Leben ohne sie zu imaginieren.
Dieses mögliche dichterische Scheitern, so meine Vorstellung, hätte sich Rilke als Entledigung seiner Künstlerexistenz gedacht, die nunmehr ohne ihre herausgehobene Stellung in einem profanen Leben in Paris endete, als »čechoslovakischer Staatsbürger […] im [Jardin du] Luxembourg«.
Leider nicht. Der Brief datiert vom Januar 1923, etwa ein Jahr nach Fertigstellung der Elegien und reflektiert eher die allgemeine (und deutsche) politische Krise dieser Zeit, deren Auswirkungen auch Rilke in seinem schweizer Exil zu verstören suchten. (Im Dezember 1922 hatten die Franzosen das Ruhrgebiet besetzt.)
Rilke adressierte in diesem Schreiben an Nanny Wunderly-Volkart eine besondere Vielzahl an Themen, die es im Briefwechsel zwischen dem Dichter und seiner Gönnerin hervorheben. Seine ganze Abneigung gegen Deutschland, die ihn zu der Idee trieb, er könnte einmal arabisch dichten, der Tod Prousts, schließlich noch Socken, Briefpapier, ein Teekessel, der weitere Haushalt in seinem Domizil Muzot und auch noch der Wechselkurs der Mark gegenüber dem Franken. Rilke in seiner ganzen Eigenart.
Ungeachtet der äußeren Umstände, die den Dichter zu seinen Fluchtphantasien angeregt haben mochten, zog mich an dieser Briefstelle die von ihm erdachte Möglichkeit an, »als Privatmann in Paris (zu) verschwinden«. Sie schließt an meine Vorstellung und Erforschung des Exils an. Am Ende der Kunst. Könnte ich nicht auch in Paris verschwinden?

