Sonntag am Wasser

Seine Ufer am Quai de la Gare, Paris

Seine Ufer am Quai de la Gare

Notizen aus meiner 12. Woche in Paris, die zu meinem Schrecken ganz von Sonnenschein geprägt war. Ein Leid für die Fotografie und das restliche Gefühl.

🔵 Montag (20.4.), mittags kam die Putzfrau, wegen der ich einige Wertsachen in mein Schließfach brachte, nicht ohne mich um die dumme Firma zu ärgern, die mir gerade die Tage für das Schließfach eine Preiserhöhung von satten 30% zugeschickt hatte. Grrrrrrrrrrrmmmmmmmm. Danach lief ich am Canal Saint-Martin bis République. Fand unterwegs ein Fachgeschäft für DVD Filme. Hätte alles kaufen können.

Späterer Nachmittag Telefon mit dem Cousin, dem unangenehme Dinge ins Haus geflattert waren.

Abends wieder Atelier de conversations. Auch wenn wir wegen der Vielzahl der Teilnehmer zwei Gruppen gebildet hatten, blieb ich heute durch die Menge der kulturellen Perspektiven frustriert. Die Exotik der anderen ist halt nicht immer faszinierend, sondern kann auch anstrengend sein. Ich sollte eine Pause machen.

🔵 Dienstag (21.4.), Sprachcafé bei Robert Sabatier, endlich wieder mit Wanda, die uns mit einem wunderbaren Spiel überraschte. Während man mit seinem Gegenüber sprach, sollte man es zeichnen, aber ohne die Blick auf das Papier zu lenken. Das war ganz schön schwierig und erinnerte mich an das automatische Zeichnen bei Gerhard Rühm an der Hochschule in Hamburg. (Jörg Möller stand damals meinen Ergebnissen skeptisch gegenüber, zitierte Kandinsky, der gesagt haben sollte, man sollte nie weiter gehen, als das Gefühl reichte. Ich hatte daraufhin das automatische Zeichnen eingestellt.) Hier in Paris waren nahezu allen Teilnehmern ausdrucksstarke Zeichnungen geglückt.

Nachmittags nach Ternes. Zu Aldi und Monoprix.

Abends nach Plan Video mit Kunsttalk Gruppe. Sehr anregend. Thema unter anderem meine Beobachtung die Tage, dass in den Verkaufspreis eines Buches allerhand Größen eingehen, aber nie die Qualität des Inhalts.

🔵 Mittwoch (22.4.), der dritte Tag krasser Sonnenschein (die letzten beiden Tage waren noch etwas wolkig gemässigt). Was könnte ich tun? Fuhr mit der M 12 bis Front Populaire, wo ich lustlos zwischen den Wohnblöcken über den Campus Condorcet streifte. Eine Gelegenheit zu einem Kaffee fand sich nicht, weswegen ich zurück zu mir ins Viertel fuhr. Kaffee beim Bäcker in Trudaine, der praktischerweise durch Nordausrichtung im Schatten lag. Abends noch zum Aldi bei Goutte d’Or, der auch keinen französischen Whisky mehr hatte. Schlich weiter durch diese krasse Ecke bis Gare du Nord. Dort Bus zurück. (Hatte ich vermerkt, dass seit Montag die M 4 nicht mehr zwischen Barbès und Chatelet fährt? Bauarbeiten. Sehr einschränkend.)

🔵 Donnerstag (23.4.), da meine Sprachgruppe bei Goutte d’Or derzeit Ferien machte, wollte ich ein anderes Atelier ausprobieren, Bibliothèque Francoise Sagan. Aber die hatten auch Ferien. Also lief ich durch die Rue de Chabrol in Richtung Strasbourg-Saint-Denis, wobei die engen Straßen des 9. und 10. Arrt. den Sonnenschein durchweg dämpften. Wie ich mich treiben ließ, überraschten mich immer neue Ecken, die ich bislang noch nie bemerkt hatte, bis ich beim Bäcker in der Rue du Faubourg Saint-Denis ankam. Dort aufgefrischt machte ich gleich zwei Entdeckungen. Zuerst fand ich für Harald einen französischen Whisky, nachdem beim hiesigen Aldi nichts mehr in dieser Richtung zu finden war. (Wohl ein saisonales Angebot). Dann lief ich rüber in die Rue du Château d’Eau, wo ich in der Bücherbox an Eingang der Markthalle einen ganzen Stapel fotokopierter Pressemappen fand, die die französische Kunst der 1990er Jahre abbildeten. Von einer Kunstschule in Amiens angelegt. Diese Art der historischen Enzyklopädie nahm durch das Medium der Photokopie nochmals an Intensität zu. (Ähnlich wie der tragische Tod Oscar Wildes in einem Pariser Hotel dadurch gesteigert und überhöht wurde, in dem J. Borges ebenfalls dort sterben wollte.) Ich hätte diese Mappen alle mitnehmen können, doch wo sie dann aufbewahren? So nahm ich von einigen markanten Seiten Fotos auf.

🔵 Freitag (24.4.), nach Trödel in der Wohnung Richtung Canal Saint-Martin, wo ich beim Franprix, wie neulich mal, 2 kleine Flaschen Wein erwarb, die ich mit nach Frankfurt nehmen werde. Weiter zur Markthalle in der Rue du Château d’Eau, wo ich weiter in den Pressemappen der französischen Kunstberichterstattung blätterte. (Nebenbei, der Kaffee da in der Halle schmeckt gut.)

🔵 Samstag (25.4.), mit der M 12 bis Trinité d’Estienne d’Orves und von dort durch schattige Nebenstraßen bis zum Bäcker. Die Stadt wirkte leer. Seltsam. Ob das an den Schulferien lag? Durch mehrere Passagen bis Lorette, wo ich die Métro zurück zu mir ins Viertel nahm. Abends nochmal über Montmarte nach Trudaine. Ich bekam kein Baguette mehr. Musste mehrere Boulangerien ablaufen.

🔵 Sonntag (26.4.), sehr unschlüssig und träge am Vormittag. Konnte mich nicht zu einem Ausflug entscheiden, was wohl auch daran lag, dass ein mögliches Ziel noch hinter Melun gelegen hätte. Ich wollte nicht endlos im Zug sitzen, bei dem Sonnenschein. Aber ans Wasser unbedingt. Daher mit M 2 und M6 bis zur BnF an die Seine. Nachdem ich mich bei einem Resto Rapide mit einem Kaffee versorgt hatte, saß ich im Schatten mit dem Schwimmbadschiff Josephine Baker genau vor mir. Das sah wirklich gut aus. Kaum zu glauben, dass es so marode sein soll, dass Ende des Jahres der Betrieb eingestellt werden wird. (Ging gerade durch die Presse.) Ich sollte es unbedingt nochmal vorher ausprobieren.

  

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