Berichte und Gedanken aus meiner 14. Woche in Paris.
🔵 Montag (4.5.), Mittags ins Deutsche Historische Institut. Dort fand ich im Präsenzbestand der Bibliothek eine kleine Ecke mit Büchern zum deutschen Exil in Frankreich, darunter eine Monographie über den Buchhändler Ferdinand Ostertag, der schon im April 1933 die erste deutsche Buchhandlung in Paris eröffnete. Das könnte eine ergiebige Quelle für mich werden. Weiter nach Alésia, mehr aus Gewohnheit zum Carrefour dort, dann eine Zwischenstop beim Bäcker in Vavin und schließlich Conférence mit dem Cousin, bei dem sich seit dem letzten Mal noch wenig neues ereignet hatte. Abends wieder Atelier de conversation. Zuerst sah es aus, als wäre wir nur wenige und sogar die Benevols in der Überzahl, doch dann tröpfelten immer neue ein, so dass die endgültige Gruppe wieder sehr groß ausfiel und aufgeteilt wurde. Ich saß wieder mit Sylvie und noch 3 anderen zusammen, worunter sich ein junger Mann befand, den ich schon mehrmals bemerkt hatte. Er sagte nie sehr viel, heute jedoch erzählte er seine Geschichte, die Flucht aus dem Sudan, durch Libyen an die Küste und mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer. Weiter von Italien nach Frankreich, wo er aber nicht bleiben, sondern weiter nach England kommen wollte. In Calais, in einem der „Djungle“ sah er aber die Vergeblichkeit seines Vorhabens ein, nachdem er mehrere Todesfälle miterleben musste. Krasse Geschichte. Einen solchen Menschen kann ich bisher nur aus den Nachrichten, jetzt saß er gerade neben mir und ich kam mir sehr klein vor in meiner gut situierten, sicheren Existenz. Entsprechend aufgewühlt lief ich nach Hause, in Gedanken dazu und, dass ich mir eine Auszeit von solchen Begegnungen nehmen sollte, so kurios und exotisch sie sein mochten. Französisch reden und lernen, ist eine Sache, Ethnograph oder sogar Mitleidender fremder Schicksale zu sein, eine andere Sache, zu der ich auf Abstand gehen sollte. Das schaffe ich auf die Dauer nicht.
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🔵 Dienstag (5.5.), kalt und regnerisch. Wieder in der Sprachgruppe bei Robert Sabatier eine große Zahl. Auf meine Anregung ging die Diskussion in Richtung Rente, Arbeitszeit, soziale Sicherung, wovon wir fast nicht mehr loskamen. Froh, anschließend mit Sayaka auf einen Kaffee entkommen zu können. Punkt 16:00 nahm ich dann in meinen eigenen vier Wänden die Ausfallsendung für den kommenden Freitag auf. So richtig hatte ich eigentlich nichts so sagen, so mein Gefühl. Hier in Paris ist viel Alltag. Später, als ich mich wieder etwas beruhigt hatte, schaute ich noch in die #Kunsttalk Runde auf Zoom. Abendessen, zum ersten Mal französischer Spargel, Kartoffel, Ei und grüne Sauce aus Frankfurt.
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🔵 Mittwoch (6.5.), mittags holte ich mein Fahrrad ab. Durch meine zentralere und belebtere Wohnlage im Vergleich zum letzten Mal blieb ich länger unsicher, ob ich wieder ein Fahrrad mieten sollte, das mir letztes Jahr viel Freude bereitet hatte. In Anbetracht des doch recht geringen Preises für die kommenden 2 Monate, sagte mich mir daher zu. Allein die Fahrt zum Brunnen bei Marx Dormoy würde schon lohnen. Nachmittag nach Belleville. Kurz in die Buchhandlung da, die immer mit ansprechenden Titeln aufwartete, dann Treffen mit Paul, dem Fotografen, der mich zu einer Präsentation in seinem Workshop eingeladen hatte. Das fand lustigerweise in Olivers Stammlokal Cagnotte statt. Ich kam mit meinem Französisch gut klar, wenn auch die Fotografie viele englische Wörter kennt, und war nachher stolz auf mich. Leicht aufgeregt lief ich fast die ganze Rue de Belleville bis République, dort einen kleinen Imbiss zehrend und weiter durch die Rue du Château d’Eau bis zur M4. Heute war es durchgängig grau, was sehr zur Fotografie eingeladen hätte, aber nicht eingelöst werden konnte. So ist das, wenn man dann mit anderen Terminen eingenommen ist.
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🔵 Donnerstag (7.5.), zuerst die Kaffeeterrasse im 7. Stock des Kaufhauses Printemps ausprobiert. Da saß ich sehr angenehm mit Blick in Richtung Madeleine. Anders als bei Layfayette 2 Häuser nebenan, ging es beruhigt zu. Zwei Minuspunkte: es gab keine Überdachung (weder gegen Sonne noch gegen Regen. Bei der Bewölkung am Besten auszuhalten) und die Musik, die aus einem versteckten Lautsprecher zu mir drang, nervte. Ansonsten aber gerne wieder. Danach machte ich mich auf, ein weiteres Stück Banlieue zu erkunden, die Siedlung Le Stade auf dem Weg nach Argenteuil. Mit der Linie RER J von Saint-Lazare, die mich lange warten ließ. Endlich angekommen sah es zunächst nach braver Vorstadt aus, zweistöckige Wohnblöcke mit einigem Grün drumherum. Je weiter ich aber im Gelände vorstieß, des wilder wurde es. Endlich kam ich an der Avenue Stalingrad (passend!) eine Struktur, die man mit einiger Zurückhaltung als Stadtzentrum wahrnehmen konnte. Zwischen 5-10 etwa 15-stöckigen Wohnblöcken lag quer ein Riegel aus goldglänzendem Metall, das Stadtteilkulturzentrum Espace Jacques Chirac. Alles schien ohne rechte Planung zusammengefügt zu sein. Dagegen wirkte Val d’Argenteuil neulich fast musterhaft. Fotografieren schwierig, einmal durch die Unordnung, die keine Bezugspunkte erkennen ließ, andererseits durch eine komplett fremdländische Bevölkerung, deren Einstellung zu meinen Dokumentationsversuchen kaum abzuschätzen war. Ich beließ es daher bei einem ersten Erkundungsgang und war froh, gleich einen Bus zurück zur Bahnstation nehmen zu können. Dort musste ich lange warten. Die ganzen Tage schon blieb das RER Netz gestört.
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🔵 Freitag (8.5.), heute war Feiertag in Frankreich (Kriegsende 1945), viele Geschäfte hatten aber offen. Ich nutzte die Gelegenheit, bei Bon Marché ein nettes Hemd zu erstehen. Danach einen Kaffee um die Ecke in der Rue Cherche Midi. Auch ein Traum. Wahrscheinlich kaum bezahlbar. Späterer Nachmittag nach La Courneuve, wo es ein Stadtteilfest gab. Am Place de la Fraternité herrschte maue Stimmung. Dazu wurde nirgendwo Essen oder Getränk angeboten. Seltsam. Nach einer knappen Runde um das Gelände machte ich mich von dannen, wobei ich durch erneute Störung des RER bis Mairie d’Aubervilliers laufen musste. Triste Gegend.
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🔵 Samstag (9.5.), beim Bäcker am Place des Petits Péres. Danach, weil ich Flyer sah, zum Atelierhaus Montmartre aux artistes. Kleiner Flohmarkt dort. Weiterer Flohmarkt am Place Hébert. Auch da kein Glück, aber ich konnte nebenan Wasser zapfen. Für einen Moment noch im Park am Brunnen gesessen. Heute war Europatag. Die Busse trugen französische und europäische Flaggen. Das sollte es auch bei uns geben.
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🔵 Sonntag (10.5.), Regen kündigte sich an. Zuerst lief ich noch in Rue Versigny. Großer Flohmarkt dort. Butterdose weiterhin schwierig. Nahm einen Kaffee beim Bäcker und sah eine Weile dem Kommen und Gehen zu. Bei den ersten Regentropfen zurück nach Haus. Überlegte, was ich weiter tun könnte. Im Parc Floral, Bois de Vicennes, sollte es ein japanisches Frühlingsfest geben, aber angesichts der dunklen Flecken in meinem Regenradar schien mir die lange Anreise dorthin nicht vielversprechend. Stattdessen mit dem Bus 85, der direkt vor meiner Haustür abfuhr, bis Saint-Ouen Les Docks. In der Halle Communale dort, die ich noch vom letzten Sommer kannte, war wenig los. Fand mich nicht recht in der Stimmung zum Konsum. Sah eine Weile beim Tischtennis zu. Ein Mädchen von vielleicht 6 Jahren machte die Erwachsenen alle. Das ist mir schon anderswo aufgefallen. Der lernen das wahrscheinlich in der Schule. Nach meiner Rückkehr musste ich mich einem unangenehmen Thema widmen. Mein Zahn gab keine Ruhe, so dass ich mich der unschönen Aufgabe widmen musste, einen Zahnarzt in Paris zu finden. Meine Krankenkasse war leider trotz anderslautender Mitteilung auf ihrer Internetseite keine Hilfe. („Wir können doch nicht jeden Zahnarzt in Paris kennen.“) Verständlich, aber ich dachte, vielleicht gäbe es ja Vertragsärzte, die das grenzüberschreitende Procedere beherrschten. Notgedrungen suchte ich nach Rat der KI auf einem der bekannten Portale nach einen Arzt, was immerhin zum Vorteil hatte, dass man sofort die freien Termin, die Fremdsprachen und die Abrechnungsmodalitäten angezeigt bekam. Ein wenig unwohl war mir dennoch dabei.
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