Hitze – Marne – Hitze

An der Marne bei Maisons-Alfort. Nahe Paris. Sommerliche Stimmung schon.

An der Marne bei Maisons-Alfort. Nahe Paris. Sommerliche Stimmung.

Bericht aus meiner 16. Woche in Paris, die von einem heftigen Temperaturumschlag gekennzeichnet war.

🔵 Montag (18.5.), grau und regnerisch. Mein Zahn gab keine Ruhe, so dass ich beim Zahnarzt in Frankfurt anrief und mich schon Gedanken auf der Reise dorthin sah. Jedoch, ich erfuhr, mein Zahnarzt würde in Urlaub gehen. Die Assistentin schlug mir vor, das Röntgenbild des Pariser Zahnarztes nach Frankfurt zu schicken. Dann könnte der Doktor noch wenigstens draufschauen. Also fuhr ich wieder nach République, wo zu meiner Überraschung der französische Zahnarzt sich außerstande erklärte, mir eine Kopie des Röntgenbildes in digitaler Form auszuhändigen. Ich könnte es vom Bildschirm abfotografieren. Eine eher absurde Idee, die sicher nichts helfen würde. Nach einiger Diskussion übergab er mir dann zwei Ausdrucke der Bilder. Besser als nichts, dachte ich. Ich fotografierte sie mit dem Handy ab und schickte sie per Mail nach Frankfurt. Nicht viel später erhielt ich die Antwort, die Bilder sähen gut aus, ich sollte abwarten. Beruhigt und doch nicht wirklich.

Abends wieder Sprachgruppe im Joli Mai, wo es sehr herzlich zuging. Ich durfte von meinen Erfahrungen beim Zahnarzt berichten. Wundern taten mich nur die drei Mädchen in Kopftüchern, die da wie eingeschüchtert saßen und kaum ein Wort herausbrachten. Was machen die in Frankreich? Eine davon war schon seit 3 Jahren im Land. Warum waren sie nicht in der Lage, mehr Neugierde für die sie umgebende Kultur aufzubringen? Lebten die nur in ihrer eigenen Blase?

🔵 Dienstag (19.5.), morgens wieder Sprachgruppe bei Robert Sabatier. Wir sprachen über Marokko, aus dem drei der Teilnehmerinnen stammten. Ein Land, über das ich fast nichts wusste. Nette Angelegenheit. Kurz beim Bäcker, frierend. Dann in die Bibliothek des DHI. Ab morgen sind steigende Temperaturen vorhergesagt, die den Aufenthalt in einer Bibliothek weniger erstrebenswert erscheinen lassen. Nahm mir erneut die Ecke „Exil“ vor, in der ich weitere Bücher fand, darunter eines, das meiner Vorstellung sehr nahe kam. Die Darstellung der Orte, an denen deutschsprachige Musiker lebten und wirkten. Das sollte es auch für die Künste und die Geisteswissenschaften geben. Interessant, dass sich Musiker, entgegen anderen Künstlern im Exil, vorwiegend in den bürgerlichen Stadtteilen (8., 15., 16. Arrt.) aufhielten. Die Autorin erklärte das mit einer Nähe zu möglichen Auftraggebern. Komposition oder Unterricht. Die Bildende Künstler, Literaten, Geisteswissenschaftler blieben eher in den ärmeren Quartieren, 19., 20. oder 14. Arrt.

🔵 Mittwoch (20.5.), Tag des Wetterumschwungs, der mir heftige Kopfschmerzen einbrachte. Ich fuhr nach Montparnasse, wo ich mir in Erwartung der kommenden Hitze Shorts besorgte. Dabei nutzte ich die Gelegenheit, nochmal das Gebäude Montparnasse II anzuschauen. Ich war jetzt sicher, dass Gursky damals die Ostseite des Gebäudes fotografiert hatte und nicht die Westseite zum Innenhof hin. Weiter zum Carrefour bei Alésia. Einkauf. Pause beim Bäcker nahe Vavin. Dann, weil der Nachmittag noch nicht fortgeschritten war, nach Vaugirard. Dort gelang es mir, einen Blick auf das Atelierhaus zu werfen, das sich wenig bekannt und auffällig im Hinterhof des Wohnblocks situierte, in dem Foucault gewohnt hatte. Leider herrschte dort viel Verkehr durch ungarisches Konsulat o.ä., so dass ich beim Fotografieren eingeschränkt war. Gegenüber Vaugirard erstrecke sich ein beschaulich Grünanlage mit üppigen Pflanzen, einem Brunnen und einem Musikpavillon. Ob Foucault dort gerne gesessen hatte? Ich stellte ihn mir eher als in der Wohnung bei seinen Büchern eingeschlossen vor. Und noch das: Pünktlich zur Temperaturveränderung waren auf einmal die Busse mit Plakaten der Frau Casta mit ihrer üppigen Oberweite versehen.

🔵 Donnerstag (21.5.), trotz des Sonnenscheins unternahm ich eine Erkundungstour in ein Stadtentwicklungsgebiet im 12. Arrt., das Quartier Saint-Eloi. Zwischen 1958 und 1977 hatte man dort ältere Bebauung systematisch durch bis zu 12stöckige Wohnblöcke ersetzt. Ich nahm Bilder nur zur einstweiligen Dokumentation auf. Drum herum ging es wie gewohnt nett zu. Ich nahm im Schatten einen Kaffee. Am Abend hatte ich dann meinen großen Auftritt. Ich durfte bei Pauls Fotoclub meine Fotos von Paris vorstellen. Das hat gut funktioniert. Ich war sprachlich weitgehend dabei, was mir Zuvertrauenen gab. Immerhin waren da mehr als 30 Personen im Saal anwesend. Kritik oder böse Kommentare gab es auch keine.

🔵 Freiag (22.5.), mit der Gruppe von Goutte d’Or unternahmen wir heute einen Ausflug von der Bibliothek nach Montmartre, der von der Russin Natalia ausgearbeitet worden war, die neuerdings Praktikantin der Bibliothek ist. Geschickt von ihr. Ich sah auf unserem verschlungenen Weg ein unbekanntes Montmartre, viele schmale Gänge und auch, wichtig bei dem kräftigen Sonnenschein, eine Anzahl kleiner Grünanlagen, die sich zwischen die Häuser schmiegten. Der indische Student offenbarte mir sein Zuneigung zu deutschem Fussball, die er durch die Aufzählung aller ihm bekannten Spieler bekräftigte. Vor 13 Uhr kamen wir bei Moulin Rouge aus, wo wir die Bahn nahmen. Alexine musste rechtzeitig vor Öffnung der Bibliothek zurück sein. Ich unternahm am Nachmittag einen Ausflug nach Les Halles. Das Bekleidungsgeschäft, das mich vielleicht mit einem gestreiften T-Shirt versorgen sollte, hatte aber geschlossen. Immer im Schatten bleibend brachte ich mich bis Château d’Eau. In der Markthalle holte ich mir einen Kaffee. Da war nicht viel los. Und schließlich, als Belohnung für den gelungenen Auftritt gestern bei Paul, besuchte ich den griechischen Feinkostladen. Eine echte Apotheke. Ich ließ für eine gefüllte Aubergine und eine Portion Gigantes 20 Euro!

🔵 Samstag (23.5.), weiterer Anstieg der Temperaturen auf fast 30°. In den Nachrichten überschlugen sie sich für diese Entwicklung innerhalb weniger Tage mit Superlativen. „hors norme“ „exceptionnel“ Noch nie dagewesen, so früh in dieser Form. Ende Mai. Die Werte bis zu 16° über dem Normal für diese Zeit des Jahres. Ich unternahm meine gewohnte Tour, Réaumur, dann zum Bäcker, wo es auch noch gerade erträglich war, denn aus der Backstube drang heiße Luft in den Verkaufsraum. Wenn man vor der Bäckerei im Freien sitzen wollte, kostete es extra. Ich warf noch einen Blick um die Ecke in den Jardin du Palais Royal. Dann entdeckte ich den Bus 29, mit dem ich bis fast Printemps fuhr. Innen im Gebäude angenehm klimatisiert, oben auf der schmalen Terrasse hatten sie Jalousien ausgefahren. Aber es war trotzdem zu heiß da. Ich beschränkte mich auf den Erwerb einer Flasche Wein. Dann mit der 12 zurück in mein Viertel zum Einkauf bei Monoprix.

🔵 Sonntag (24.5.), Pfingsten. Was tun an diesem Hitzesonntag? Ich dachte, an die Marne zu fahren, weil ich da am Wasser ebenso Schatten finden würde. Zudem war die Fahrtstrecke nach Maisons-Alfort immer noch einigermassen kurz. Leider hatten diese Idee auch andere gehabt, denn an der ersten Kaffeetankstelle herrschte Hochbetrieb, der Kiosk schräg gegenüber war verschwunden. So musste ich ein ganzes Stück bis zu der Fußgängerbrücke nahe der Badestelle laufen, wo ich den dortigen Kiosk ebenfalls verschlossen vorfand (Schild: ab 15:00). Versuchte es gegenüber bei einem italienischen Restaurant, das mir einen Milchkaffee und Tonnen an Kleingeld für meinen 10-Euro-Schein ausgab. Ich saß dann an der offiziellen Badestelle, die ich bei den Temperaturen liebend gern geöffnet gesehen hätte. Am gegenüberliegenden Ufer beobachtete ich Jugendliche, die ungeniert ins Wasser sprangen, obwohl überall Schilder standen, die davon abrieten. Vorwiegend wegen der Strömung in der Nähe des Wehrs. In den sozialen Medien wurde auch vor der Wassertemperatur gewarnt, die ganz erheblich von der heißen Luft abwich. Von 17°Differenz war die Rede. Da drohten Kälteschocks, hieß es.

  

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert