Wie lesen – in Schweden

Nachmittägliche Lektüre in Schweden mit Wienerbröd

Nachmittägliche Lektüre mit Wienerbröd

Neulich wurde in der amerikanischen Zeitschrift The Atlantic das Ende des Lesens ausgerufen. Nicht zum ersten Mal bestimmt, aber ich kann es gut nachvollziehen, quäle ich mich jedes Mal in Schweden damit, was ich noch lesen könnte. Diesmal war meine Auswahl noch eingeschränkter, weil zwei Bücher auf dem Postweg verloren gingen.

Also, ich las »Die Ausgewanderten« von W.G. Sebald, jetzt leider mein viertes und letztes Buch dieses Autors. Sprachlich nicht ganz so dicht und mitreißend wie »Austerlitz«, aber auf hohem Niveau. Ich mochte besonders die beiden englischen Schicksale „Dr. Henry Selwyn“ und „Max Aurach“. (Bei Aurach auch sehr eindrucksvoll der Ausflug nach Bad Kissingen.)

Danach durcheinander. In einer Bücherkiste in Frankfurt hatte ich »Kein Gedicht für Trotzki. Tagebuchaufzeichnungen aus Mexiko« von Alice Rühle-Gerstel gefunden, an dem mich ebenfalls die Thematik des Exils interessierte, das hier verschränkend dargestellt wurde, denn die Exilantin Rühle-Gerstel schildert das Leben und die Umstände des sich ebenfalls im Exil befindlichen Leo Trotzki, sie eine Namenlose, er eine Berühmtheit. Beide kommen auf unnatürliche Weise zu Tode. Trotzki wird 1940 ermordet, Rühle-Gerstel stürzt sich nach dem Tod ihres Mannes 1943 aus dem Fenster.

Eine Geschichte dann von Alice Munro, in der einer Frau die Tochter entschwindet, die passenderweise Penelope heißt. Irrt die Mutter auf der Suche nach der Tochter weiter durchs Leben?

Und was ist Kunst?

Schließlich hatte ich noch von Arthur C. Danto »Die Verklärung des Gewöhnlichen« eingesteckt, ein Buch, das ich vor 8 Jahren hier in Schweden gelesen hatte. Zwischenzeitlich kam ich durch weitere Lektüre im Gebiet der Kunstdefinition zu neuen Erkenntnissen, die ich an Dantos Buch zu überprüfen dachte. Ich bemerkte drei Dinge:

Zuerst, dass Danto in jedem Kapitel nach relativ einfachen Überlegungen schnell in ein theoretisches Dickicht führt, das meine Geduld überforderte. (Hatte ich das vor 8 Jahren wirklich verstanden?)

Zwei, in Kapitel 4 („Ästhetik und Kunstwerk“) geht er auf die Institutionelle Theorie von George Dickie ein, worunter er die Rolle der Wertschätzung dafür untersucht. So sagt Danto:

„Deshalb ist die rechtmäßige Zugehörigkeit zur Kunstwelt an die restriktiven Bedingungen der Wertschätzbarkeit gebunden, und sie kann nicht einfach durch Machtspruch etwas zum Kunstwerk erklären.“

Ist das wirklich so? Ist es logisch wie praktisch ausgeschlossen, dass Institutionen und ihre Vertreter Künstler nach rein opportunen Gesichtspunkten auswählen? Es wäre komplett seltsam, wenn das nicht allzu selten vorkäme. Allein das System der Stars und Superstars weist darauf hin, dass keinesfalls reine Wertschätzung zur Bestimmung eines Kunstwerkes ausreichen kann.

Drei, kurz danach trifft Danto eine folgenschwere Unterscheidung:

„Meine Ansicht ist die, daß ein Kunstwerk sehr viele Eigenschaften hat, ja sogar sehr viele, die von ganz anderer Art sind als die Eigenschaften jener materiellen Objekte, die von ihm zwar ununterscheidbar, aber selbst keine Kunstwerke sind. Einige dieser Eigenschaften können sehr wohl ästhetische sein oder solche, die man als ästhetische erlebt oder als »würdig und wertvoll« erachten kann. Um dann aber auf sie ästhetisch reagieren zu können, muß man zuerst wissen, daß das Objekt ein Kunstwerk ist, und somit ist die Unterscheidung zwischen dem, was Kunst ist, und was nicht, vorausgesetzt, bevor eine unterschiedliche Reaktion auf diesen Unterschied in der Identität möglich ist.“

Wenn ich zuerst wissen muss, dass etwas ein Kunstwerk ist, um darauf ästhetisch reagieren zu können, ist dieser Erkenntnisansatz nicht zirkulär? Oder liegt bei Danto die Betonung auf ›ästhetisch‹? Was wiederum bedeutete, dass es im Hinblick auf Kunstwerke auch Erkenntnisse geben könnte, die nicht ästhetisch wären. Macht das gerade bei den Problemfällen der Kunst Sinn? Liegt nicht die eigentliche Herausforderung von Duchamps Pissoir und ähnlichen Typen, sie als Kunstwerke zu bemerken? Was darüber hinaus könnte an ihnen ›ästhetisch‹ sein?

Notizblock, Erinnerungen an die 1990er Jahre, 6.8. 2026

Notizblock, Erinnerungen an die 1990er Jahre, 6.8. 2026

Zu aller allerletzt habe ich noch eine Lektüre in eigener Sache begonnen, in dem ich mir im Dorf einen Schreibblock kaufte und erste Notizen zu meiner Zeit als Künstler in den 1990er Jahren begann niederzuschreiben. Erinnerungsarbeit.

Vielleicht kann ich sagen, im Hinblick auf lesen und schreiben in Schweden, ich habe mich bemüht.

…

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